Bundeswehr will 2012 erstes Lager in Afghanistan

Montag, 28. November 2011, 17:21 Uhr
 

Berlin (Reuters) - Die Bundeswehr will 2012 das erste deutsche Feldlager im Norden Afghanistans aufgeben und unternimmt damit den ersten konkreten Schritt zum Abzug vom Hindukusch.

"Wir haben die Hoffnung, dass wir im Laufe des Jahres 2012 die Sicherheitsverantwortung in Badachschan mit dem PRT in Feisabad beginnend in afghanische Hände geben können", kündigte Bundesverteidigungsminister Thomas de Maiziere am Montag in Berlin an. Die abgelegene Provinz ist seit Jahren relativ friedlich. Im Feldlager in Feisabad sind rund 280 deutsche Soldaten stationiert. Neben Feisabad betreibt die Bundeswehr im Norden noch zwei größere Camps: Das Hauptquartier in Masar-i-Scharif und das Lager in der Unruheprovinz Kundus.

Derzeit sind rund 5300 deutschen Soldaten am Hindukusch im Einsatz, wegen des Truppentauschs etwas mehr als gewöhnlich. Anfang kommenden Jahres soll das Kontingent erstmals seit Beginn des Einsatzes vor zehn Jahren verkleinert werden. Geplant ist eine Reduzierung auf zunächst 4900 Soldaten. In einem zweiten Schritt plant die Bundesregierung dann eine weitere Reduzierung bis auf 4400 Soldaten zum Ende des kommenden Jahres. Dazu dürfte eine Aufgabe des Lagers in Feisabad beitragen. Der Bundestag muss das neue Mandat noch billigen, die Abstimmung darüber findet voraussichtlich Ende Januar statt. Derzeit liegt die Mandatsobergrenze bei 5350 Soldaten, darin ist eine flexible Reserve von 350 Soldaten enthalten.

Die internationale Schutztruppe, an der die Bundeswehr beteiligt ist, will ihre Kampfeinheiten bis Ende 2014 aus Afghanistan abziehen. Am 5. Dezember findet in Bonn eine große Afghanistan-Konferenz statt, bei der die internationale Gemeinschaft sich zehn Jahre nach dem Sturz der Taliban darauf verpflichten will, das Land auch nach dem Abzug der Kampftruppen langfristig zu unterstützen. Der deutsche Afghanistan-Beauftragte Michael Steiner zeigte sich zuversichtlich, dass Pakistan trotz des jüngsten Streits mit der Nato an dem Treffen teilnehmen wird.

In weiten Teilen des deutschen Verantwortungsbereichs im Norden Afghanistans sollen künftig afghanische Soldaten und Polizisten selbst für Sicherheit sorgen. Der afghanische Präsident Hamid Karsai hatte am Sonntag die lange erwartete Liste der Gebiete bekanntgegeben, die in der zweiten Welle an die afghanischen Sicherheitskräfte übergeben werden sollen. Unter anderem sollen die Afghanen in der Stadt Feisabad, wo die Bundeswehr ein Feldlager betreibt, und in der Provinz Takhar, wo die Bundeswehr im Ort Talokan ein kleineres Camp unterhält, die Sicherheitsverantwortung übernehmen. Außerdem steht die weitgehend friedliche Provinz Balkh auf der Liste, wo die Bundeswehr in Masar-i-Scharif ihr Hauptquartier und ihr größtes Feldlager in Afghanistan unterhält. Die Übergabe der ersten Regionen hatte im Juli begonnen.

In der Provinz Takhar hatte es zuletzt mehrere schwere Anschläge gegeben. Im Mai war dabei unter anderem der damalige Kommandeur der deutschen Truppen im Norden, der General Markus Kneip, in Talokan verwundet worden. Zwei weitere deutsche Soldaten und die Polizeichefs der Provinz und der Nord-Region wurden bei dem Anschlag während eines hochrangigen Treffens getötet. In der friedlichen Provinz Badakhschan sollen neben der Stadt Feisabad weitere sieben Distrikte in die Verantwortung der Afghanen übergehen. Außerdem finden sich im Norden die Provinz Samangan sowie die Provinz Sar-i-Pul mit Ausnahme des Distrikts Sajaad auf der Liste.

De Maiziere begrüßte die Ankündigung Karsais, mahnte aber einen Zeitplan an. Zugleich warnte er vor überzogenen Erwartungen. Der Übergabe-Prozess verlaufe schrittweise und dauere in jeder Region bis zu 24 Monate. Die Nato-Truppe Isaf werde mit der Übernahme der Gebiete durch die Afghanen daher nicht schlagartig von der Verantwortung entbunden, sondern unterstütze die afghanischen zunächst Soldaten und Polizisten weiter. Als positiv bewertete de Maiziere den erstmaligen Rückgang der Anschläge gegenüber 2010 um 25 Prozent im gesamten Land von 12.000 auf 9000 Zwischenfälle. Im Norden sie die Gewalt prozentual noch stärker zurückgegangen. "Das ist eine vorsichtige Trendwende, die es gilt, durch unsere geduldige Politik zu halten", sagte der Minister.

De Maiziere mahnte allerdings die übrigen Ressorts, ihren Teil der Arbeit in Afghanistan zu erledigen. "Vernetzte Sicherheit heißt nicht, dass sich andere Politikfelder darauf verlassen, dass die Soldaten alles richten - so ist es nämlich zum Teil", kritisierte der Minister. In der Vergangenheit hatten Experten immer wieder bemängelt, dass der zivile Aufbau des Landes mit dem militärischen Vorgehen nicht Schritt hielt und so Möglichkeiten zur Stabilisierung ganzer Regionen verspielt wurden.