Aigner will Mäster zur mehr Tierschutz verpflichten

Donnerstag, 19. Januar 2012, 17:11 Uhr
 

Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner will die Mäster von Geflügel, Schweinen und Rindern zu mehr Tierschutz verpflichten. "Das Tierwohl werden wir stärken und dem Verbraucher in seinen Wahlmöglichkeiten bei Lebensmitteln über mehr Transparenz eine klare Orientierung bieten", kündigte die CSU-Ministerin am Donnerstag zur Eröffnung der Agrarmesse "Grüne Woche" in Berlin an. Der Deutsche Bauernverband (DBV) gab zu bedenken, dass mehr Tierschutz auch höhere Kosten verursachen würde. Umweltschutz- und Ökobauern-Verbände forderten erneut einen grundsätzlichen Umbau der Branche.

Der Tierschutz ist Teil einer "Charta für Landwirtschaft und Verbraucher", in der die mittel- und langfristigen Ziele der Ministerin beschrieben werden. In den Plänen nehmen die Verbraucher eine entscheidende Rolle ein. Die Käufer sollten über die Haltungs- und Mastbedingungen informiert werden, sagte Aigner. "Transparenz verändert auch das Kaufverhalten und damit die Produktionsverfahren und Herstellungsweisen." Sie setze sich daher auf EU-Ebene für die Einführung eines europäischen Tierwohl-Labels ein. "Damit sollen die Verbraucher Produkte erkennen können, bei deren Erzeugung sehr hohe Tierwohl-Anforderungen erfüllt werden", sagte Aigner. Ein nationaler Alleingang sei nicht möglich.

Das Tierwohl ist eine entscheidende Richtlinie für die Mast in der Landwirtschaft. Im Tierschutzgesetz wird etwa die sogenannte Qualzucht verboten. Dementsprechend müssen Ställe und Haltungsformen bei der Aufzucht der Masttiere ausgerichtet werden und gegebenenfalls verändert werden. Das kann mit erheblichen Investitionen verbunden sein. Damit ist einer der Pfeiler der landwirtschaftlichen Produktion berührt: Mit 23 Milliarden Euro trägt die tierische Erzeugung 45 Prozent des Produktionswertes der deutschen Landwirtschaft bei. Derzeit wird das Tierschutzgesetz und damit auch der Paragraf zur "Qualzucht" novelliert.

DEFINITION VON TIERWOHL UNKLAR

Zuletzt waren die Haltungsbedingungen für Masthähnchen in die Kritik geraten, da in Nordrhein-Westfalen in einer Studie der umfangreiche Einsatz von Antibiotika bei den Tieren festgestellt wurde. Zurückgeführt wird der unerwünschte Medikamenteneinsatz unter anderem auf die Haltungsbedingungen. Kritikpunkte sind Enge im Stall und mangelnde Hygiene.

Allerdings ist unklar, was genau unter Tierwohl zu verstehen ist. In einem Bericht des vom Ministerium initiierten Workshops für die Charta heißt es, bei der Definition von Tierwohl bestehe noch erheblicher Forschungsbedarf. "Wissenschaftliche Indikatoren für Tierwohl stehen zwar zur Verfügung, aber es fehlt die Datengrundlage, diese im Zusammenhang mit der Betriebsgröße zu betrachten." Kriterien für den Tierschutz sind der Charta zufolge Platzangebot und Beschäftigung der Tiere. Konkret gefordert wird unter anderem der Verzicht auf die übliche narkosefreie Kastration von Schweinen.

Der Deutsche Bauernverband (DBV) sprach von einer ambitionierten Agenda. Knackpunkt sind aus Sicht der Interessenvertretung die steigenden Preise beim Endprodukte, wenn die Herstellungsverfahren am Tierschutz ausgerichtet werden. "Die Verbraucher müssen ihr Preisverständnis ändern. Erst dann wird sich die derzeitige Tierhaltung entscheidend verändern", sagte der DBV-Ökobeauftragte Heinrich Graf von Bassewitz. "Die Verbraucher, die sich heute über die sogenannte Massentierhaltung beschweren, haben mit ihrem Kauf von Billig-Lebensmittel und ihrer extremen Preisbewusstheit letztlich genau diese Art der Landwirtschaft vorangetrieben."

Aus Sicht der Organisation Agrarbündnis gibt es keine Massentierhaltung, die artgerecht ist und damit nur gesunde Tiere erzeugt. Hochleistungszucht und nicht artgerechte Haltung machten die Tiere anfällig. "Sie führen zu Verletzungen, Krankheit und Stress." Geflügel in großer Zahl auf engsten Raum zu halten sei ohne vorbeugenden Medikamenteneinsatz nicht möglich. Die als besonders hygienisch gelobte Intensivtierhaltung sei nicht möglich, die Weichen müssten umgestellt werden. Zum Agrarbündnis gehören unter anderem der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland, der Tierschutzbund, Demeter und Neuland.