BDI warnt vor explodierenden Kosten der Energiewende

Donnerstag, 8. November 2012, 15:28 Uhr
 

Berlin (Reuters) - Ohne ein Gesamtkonzept zur Energiewende drohen die Kosten in den kommenden Jahren aus Sicht der deutsche Industrie zu explodieren.

In einer am Donnerstag in Berlin vorgestellten BDI-Studie hieß es, die nötigen Investitionen in die Stromversorgung bis 2030 könnten von 150 Milliarden Euro auf 350 Milliarden Euro in die Höhe schnellen. Die Feldstudien zeigten, dass die Ampeln bei den Strompreisen bereits heute "eindeutig bei Rot stehen", sagte der Präsident des Bundesverbands der Deutschen Industrie, Hans-Peter Keitel. Die Wirtschaft unterstütze zwar die Energiewende, fordere aber ein Gesamtkonzept. Sowohl Wirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) als auch Umweltminister Peter Altmaier (CDU) betonten, man wolle die Energiewende gemeinsam mit der Wirtschaft meistern. Sie sei nur ein Erfolg, wenn die Industrie dabei nicht ihre Wettbewerbsfähigkeit verliere, betonte Altmaier.

Der Umweltminister zeigte sich dabei offen, die von der Regierung gesetzten Ziele wie dem um zehn Prozent sinkenden Stromverbrauch bis 2020 zu überprüfen. "Der Stromverbrauch blieb in den letzten Monaten gleich, aber er ist nicht gesunken. Also habe ich gesagt, müssen wir schauen, ob wir das schaffen können oder ob wir es revidieren", sagte der CDU-Politiker. Der BDI-Präsident hatte die Regierung wegen konkurrierender Ziele zu einem Gesamtansatz aufgefordert. Ohnehin würden sich durch die Energiewende die Strompreise bis 2030 um 15 bis 35 Prozent gegenüber der heutigen stärkeren Nutzung von fossilen Energien wie Kohle verteuern, heißt es in der BDI-Analyse. In den USA seien dagegen durch den Abbau von Schiefergas die Energiekosten sehr viel niedriger.

Einer Umfrage zufolge will die große Mehrheit der Deutschen auch am Atomausstieg festhalten, wenn deswegen die Preise für den Strom steigen sollten. In einer Erhebung für das Magazin "stern" erklärten 64 Prozent, die Energiewende sei richtig, selbst wenn sie teurer als geplant würde. 29 Prozent würden den Ausstieg aus der Atomenergie am liebsten rückgängig machen.

ALTMAIER WILL SCHWERPUNKTSETZUNG BEI TRASSENBAU

Rösler und Altmaier betonten angesichts früherer Streitigkeiten ihrer Ressorts, dass die Bundesregierung mittlerweile an einem Strang ziehe, um einen Gesamtansatz bei Netz- und Kraftwerksausbau, Energieforschung und -effizienz sowie einem weiteren Ausbau des Ökostroms zu erreichen. Beide betonten die Notwendigkeit, das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) zu reformieren, vermieden aber zeitliche Festlegungen. Der BDI hatte gefordert, dies müsse sofort und ohne Rücksicht auf Wahltermine angegangen werden.

Rösler appellierte an die Bundesländer, von nach seiner Ansicht unrealistischen Ausbauplänen für Wind- und Solarenergie abzurücken. "16 Bundesländer wollen sich selbst versorgen, aber acht Strom exportieren", kritisierte er. Es sei "absolut wahnsinnig" für ein Bundesland, überhaupt Autarkie bei der Stromversorgung anzustreben. Altmaier kritisierte, dass einzelne Bundesländer nun offenbar in einer Art Torschlusspanik versuchten, vor der für März angepeilten bundesweiten Absprache noch so viele Windräder wie möglich zu bauen.

Wichtig sei eine Schwerpunktsetzung aber auch beim Bau der Stromtrassen, die etwa Windenergie vom Norden in den Süden der Republik bringen sollen. "Ich plädiere sehr für eine Priorisierung", sagte er zu Überlegungen, vier solcher Trassen zu bauen. Man solle mit den beiden Stromleitungen beginnen, die sofort gebraucht würden.

Bund und Länder hatten sich auf einem Treffen vergangene Woche darauf verständigt, sich im März auf ein Konzept zu einigen, wo in welcher Form künftig der Ausbau der Erneuerbaren Energien vorangetrieben werden soll.

Keitel betonte, dass die Energiewende eine Chance für die Wirtschaft sein könne. "Das Umsatzpotenzial auf dem Weltmarkt kann von 42 Milliarden Euro derzeit auf rund 60 Milliarden Euro im Jahr 2020 steigen." Allerdings müsse die Energiewende intelligent umgesetzt werden, sonst scheitere sie. "Dann ist es aus mit dem Exportschlager."

 
Power poles and power lines are seen in Hamburg September 28, 2012. Reuters/Fabian Bimmer (GERMANY - Tags: BUSINESS ENERGY)