Duo Steinbrück-Trittin muss Machtoption noch vermitteln

Montag, 12. November 2012, 12:15 Uhr
 

Berlin (Reuters) - Sie wollen gemeinsam die nächste Bundesregierung anführen, sind aber in der wichtigsten Nebensache der Welt nicht einer Meinung:

Beim Fußball scheiden sich die Geister von Peer Steinbrück und Jürgen Trittin. Der eine ist Fan von Borussia Dortmund, der andere Anhänger von Werder Bremen - nicht nur, weil Grün die Vereinsfarbe des Clubs ist, sondern weil Trittin gebürtiger Bremer ist. Anderes haben der designierte SPD-Kanzlerkandidat und das Alphatier der Grünen gemeinsam: Beide sind alte Hasen in der Politik, scharfzüngige Redner, und beiden liegt die Rolle des Polarisierers - gute Voraussetzungen für einen Wahlkampf, wenn es darauf ankommt, durch scharfe Abgrenzung vor allem von Kanzlerin Angela Merkel (CDU) zu mobilisieren. Die rot-grüne Machtoption müssen sie aber erst noch glaubhaft machen: Eine klare Wählerbewegung zugunsten von "Steinbrück plus Trittin" statt "Merkel plus ?" ist bisher nicht auszumachen.

Dem designierten Kanzlerkandidaten hat Trittin voraus, dass er als gewichtigerer Teil der grünen Doppelspitze das Votum der Parteibasis im Rücken hat. Die Partei verspricht sich von der Urwahl auch einen Mobilisierungsschub. Den Bewerber Steinbrück haben indes drei Männer unter sich ausgemacht: Als Kandidat des sozialdemokratischen Herzens wird Steinbrück, der seine Genossen einst Heulsusen schalt, nicht gelten. Der Nominierungsparteitag am 9. Dezember wird ihn dennoch geschlossen auf den Schild heben. Trittin hat über Jahrzehnte als Parteichef, Umweltminister und Fraktionschef die Politik der Grünen mitbestimmt und geformt - in eine führende Funktion in Partei oder Fraktion hat Steinbrück sich nie einbinden lassen.

GÜLLNER: KEIN TRAUMPAAR

Nach Ansicht des Meinungsforschers und Forsa-Chefs Manfred Güllner werden Steinbrück und Trittin nicht mit Rückenwind starten: "Es ist nicht das Traumpaar der deutschen Politik", sagte Güllner Reuters. "Es ist nicht das politische Duo, von dem die Leute sagen, die machen es besser." Zudem sei die politische Großwetterlage eher nachteilig: Es gebe keine Wechselstimmung. "Bei allen punktuellen Unzufriedenheiten mit Schwarz-Gelb - kaum jemand glaubt, dass es mit Rot-Grün besser würde."

Vor dem rot-grünen Duo liegt die Aufgabe, dies zu ändern. Trotz mancher Vorbehalte sehen Grüne in Steinbrück die ideale Ergänzung zu ihrem Vormann, da er weniger attraktiv für grüne Wähler sei als es SPD-Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier gewesen wäre - für die rot-grüne Stimmenmaximierung sei es vielversprechender, wenn Steinbrück "Wähler zwischen SPD und CDU von rechts dazuhole". Für die mehrheitlich weibliche Grünen-Wählerschaft sei zudem wichtig, dass Trittin neben sich eine Frontfrau habe - als die sich nun Katrin Göring-Eckardt durchsetzte. Die Ostdeutsche steht nicht für die Gründergeneration der Grünen, ist gleichwohl als frühere Vorsitzende der Bundestagsfraktion eine erfahrene Politikerin. Sie kann zudem punkten mit einem sozialen Profil, auch wenn sie ihr Amt als Präses der EKD jetzt ruhen lassen wird.

Strategen bei SPD und Grünen setzen auf einen eigenständigen Wahlkampf beider Parteien, der ein gemeinsames Ziel habe. Differenzen sind eingeplant, klassische Felder dafür sind die Energie- und die Industriepolitik, auch Infrastrukturthemen. Für ihr Debakel 2009 macht die SPD auch verantwortlich, dass ihr aus der großen Koalition heraus keine klare Differenzierung gelungen sei. Gegen eine Kanzlerin, die Themenklau nach dem Muster der "asymmetrischen Demobilisierung" betreibt, fällt das nicht leichter. Als ein Gewinnerthema aber machen SPD und Grüne die Bildung aus. Das SPD-Konzept, über höhere Steuern mehr Geld in die Bildung zu stecken, dürfte sich Merkel kaum zu eigen machen.

GRÜNEN-HAUDEGEN GEGEN GRÜNEN-FRESSER?

Der mit 58 Jahren jüngere Trittin, der 1985 in Niedersachsen erstmals in einen Landtag einzog, ist der in Wahlkämpfen sogar erfahrenere Haudegen. Der 65-jährige Steinbrück begann seine politische Laufbahn in der Exekutive, in den 70er Jahren als Referent im Bundesbauministerium. Erst im Jahr 2000 wurde er in Düsseldorf in den Landtag gewählt. In Nordrhein-Westfalen erwarb er sich in der rot-grünen Koalition als Ministerpräsident von 2002 bis 2005 den Ruf eines Grünen-Fressers.   Fortsetzung...

 
Peer Steinbrueck of the opposition Social Democratic Party (SPD) delivers a speech during a session of the lower house of parliament Bundestag in Berlin November 9, 2012. REUTERS/Tobias Schwarz (GERMANY - Tags: POLITICS)