Gauck fordert Umdenken zur Lösung der Finanzkrise

Donnerstag, 15. November 2012, 15:49 Uhr
 

Berlin (Reuters) - Bundespräsident Joachim Gauck sieht in der seit vier Jahren andauernden Schulden- und Finanzkrise ein Signal zur Besinnung und Umkehr nicht nur in der Wirtschaftswelt.

In seiner ersten großen Rede zur Wirtschafts- und Finanzpolitik, für die der frühere Pastor das Führungstreffen der "Süddeutschen Zeitung" am Donnerstag in Berlin wählte, setzte Gauck mit seiner Kritik bei sich selbst an. "Auch ich gehörte zu denen, die bei der Regulierung sagten, weniger ist mehr", gab der Prophet des Freiheitsgedankens zu. Doch er habe seine Meinung ändern müssen. Der Einschnitt von 2008 habe einen Irrtum offenbart. So sei der Ruf nach einem schlanken Staat wohl etwas naiv gewesen, erklärte der Bundespräsident. Und Gauck kommt zu dem Fazit: "Wir haben Freiheit und Verantwortung auseinanderdriften lassen und müssen sie nun wieder enger zusammenführen."

Gauck forderte nicht nur die Wirtschaftsführer auf, ihr Handeln zu korrigieren. In seiner Rede nahm sich der Bundespräsident alle vor - etwa die oft gutgläubigen Verbraucher oder die Politik, die jahrelang unrealistische Wachstums- und Wohlstandsfantasien forciert habe. Alle hätten ihr Scherflein dazu beigetragen, dass es zu dieser tiefen Krise gekommen sei, zu diesem starken Einbruch begleitet von Unternehmenspleiten, Arbeitslosigkeit und Zukunftsängsten. Gefehlt habe es auch bei den Bürgern an Verantwortung und einem gesunden Maß, an einer Balance von Eigen- und Gemeininteresse, dozierte Gauck vor den geladenen Wirtschaftsführern und anderen Gesellschaftsgrößen.

Der Bundespräsident sieht sich zwar nicht als Revolutionär, gleichwohl geht es ihm um Grundlegendes. Gauck schwebt ein "verantwortungsvoller Kapitalismus" und "aufgeklärter Kapitalismus" vor. Als romantische Träumerei will er das aber nicht verstanden wissen. Sonderlich behutsam fällt seine Kritik denn auch nicht aus. "Wirtschaft und Gesellschaft, das sind nicht immer nur die anderen", lautet einer seiner Sätze, mit denen Gauck all die, die sich als vermeintliches Oper in der Krise sehen, gleich mit angeht. Freiheit als Wert allein - und dabei meint er offenbar letztlich auch sich selbst - reiche eben nicht. Wenn man dies in dieser verantwortungsvollen Weise sehe, müsse man auch der Freund mancher Begrenzungen sein. Freiheit, so sein Credo, mache nur Sinn, wenn die zugrunde liegenden Werte stimmten. "Wir alle sind frei, aber keiner ist frei von Verantwortung", unterstreicht er.

"SCHWARZE ZAHLEN KEIN GRUND, ROTE LINIEN ZU ÜBERSCHREITEN"

Natürlich nimmt sich der Bundespräsident die wirtschaftlichen Entscheidungsträger, die Finanzmanager und ihre Rolle vor. Ungezügeltes Gewinnstreben, das Ausleben der Gier, das wirft er manchen von ihnen vor, habe die Krise maßgeblich bedingt. Es reiche nicht, nur Verantwortung für hohe Gewinne zu sehen und das große Ganze, das Gemeinwesen, auszublenden. "Anstand im Wirtschaftsleben ist wichtig", unterstreicht er. Das bedeute nicht, dass Gewinnstreben unanständig sei. "Gefährlich wird erst die blanke Gier, das Mehrenwollen um jeden Preis." Das müsse alles im Rahmen bleiben. "Schwarze Zahlen sind kein Grund, rote Linien zu überschreiten", sagte Gauck.

Das nicht nur Geld und Ressourcen, sondern auch soziale Werte auf dem globalen Marktplatz zur Disposition stehen, "haben noch nicht alle verstanden", kritisierte Gauck. Am Ende gehe es in einer globalisierten Welt beim Thema Wirtschaft und Finanzen um Menschenrechte, Menschenwürde, um Respekt und ein Miteinander der Verschiedenen. "Es geht um Demokratie, ihre Bürger und alle denkbaren Formen der Verantwortung", sagt Gauck.

Das müssten sich allerdings nicht nur die Unternehmer und Manager in die Bücher schreiben lassen. Auch die Politik und die Bürger müssten ihr Handeln überdenken, könnten sich nicht einfach ihrer Verantwortung entledigen. "Mit dem Kassenbon kann man schlimme Zustände zementieren", mahnte er die Bürger. Es gehe nicht an, nur danach zu streben, eine Jeans für zehn Euro zu kaufen, aber nicht zu bedenken, welche Arbeitsbedingungen irgendwo in der Welt dahinterstünden. Und wenn Konsumenten stundenlang anständen, um ein neues Handy zu erstehen, dann könne man auch fragen, ob man nicht vor bestimmten Läden gegen Arbeitsbedingungen in deren Produktionen andernorts in der Welt protestieren müsse. Die Kunden hätten eine enorme Marktmacht und könnten dieses Instrument verantwortungsvoll nutzen.

"Maßlosigkeit hat in die Krise geführt", analysierte der Bundespräsident. Alle müssten sich hinterfragen, ihr Verhalten, ihre inneren Überzeugungen und Motive. Und was auch nicht gehe, dass sei, die Schuld für Fehlentwicklungen an anonyme Mächte wie den Märkten oder dem System abzuschieben. "Ein neuer Umgang mit Fehlern stände uns gut zu Gesicht", folgerte Gauck.

 
German President Joachim Gauck speaks at the economy forum of the Sueddeutsche Zeitung newspaper in Berlin, November 15, 2012. REUTERS/Thomas Peter (GERMANY - Tags: POLITICS MEDIA)