INSIGHT-Phänomen Merkel - Goldener Herbst einer Kanzlerin

Montag, 3. Dezember 2012, 13:44 Uhr
 

Berlin (Reuters) - Die Situation ist ungewohnt, Angela Merkel wirkt unsicher. Gerade hat sich die CDU-Vorsitzende nach ihrer knapp halbstündigen Rede in der stickigen Halle in Bad Fallingbostel hingesetzt.

Jetzt steht sie vorne auf der Bühne wieder auf, winkt in die Menge: Dann ringt sie sichtlich mit sich, wie lange sie nun stehen bleiben soll angesichts der Szene vor ihr. Denn in der Heidmark-Halle in der tiefen niedersächsischen Provinz erlebt die ostdeutsche Politikerin etwas, was ihr so fremd ist wie kaum etwas anderes - eine politische Heldenverehrung. Mehr als 1800 CDU-Mitglieder bereiten ihr minutenlange stehende Ovationen, johlen und klatschen.

Dabei ist nichts Besonderes passiert. Eigentlich ist Merkel nur wieder auf einer CDU-Regionalkonferenz unterwegs, um vor dem CDU-Bundesparteitag Anfang Dezember in Hannover Witterung für die Stimmung in der Partei aufzunehmen. Zweieinhalb Stunden Basis-Schnuppern, dann würde sie nach ihrem "Merkel-on-Tour"-Auftritt zurück nach Berlin jagen. 2011 hatte die CDU-Vorsitzende auf diesen Touren noch die Alarmzeichen für den Unmut über den fehlenden Mindestlohn wahrgenommen. 2012 lassen die Huldigungen, die Merkel derzeit auf fast allen Parteitreffen einsammelt, eigentlich nur eine Erwartung für den CDU-Parteitag nächste Woche zu: Sicher, es wird auch kontroverse Debatten etwa über die Besserstellung von Müttern in der Rentenversicherung geben. Aber der Parteitag wird ein knappes Jahr vor der Bundestagswahl zu einer Krönungsmesse Merkels zur Königin der Partei, Deutschlands, ja Europas werden.

Tatsächlich befindet sich die 58-Jährige aus Sicht von Freund und Feind am Ende des siebten Jahres ihrer Kanzlerschaft auf dem Zenit ihrer Macht. Merkel durchlebt einen Goldenen Herbst, weil ihr viele Entwicklungen gewollt oder ungewollt in die Hände spielen - das fängt schon mit den immer noch sprudelnden Steuereinnahmen an, die das Regieren erkennbar angenehmer machen. Ihre persönlichen Umfragewerte sind mit 68 Prozent Zustimmung im ARD-Deutschlandtrend Anfang November so hoch, dass die Union in Bund und Ländern für das Super-Wahljahr 2013 vor allem auf eines setzt - Merkel. Selbst frühere Kritiker räumen ein, dass vor allem sie die Union in Umfragen bundesweit auf fast 40 Prozent hoch gezogen hat. Landesfürsten wie David McAllister und selbst der eigensinnige CSU-Chef Horst Seehofer, die im nächsten Jahr Landtagswahlen überstehen müssen, setzen dabei unverhohlen auf den "Merkel-Effekt".

Nichts fasst die derzeitige Stimmung so gut zusammen wie jener kleine abendliche Auftritt Merkels am 21. November, als sie in Berlin-Mitte das Redaktionsfest der "Rheinischen Post" besucht. Dort scherzt sie mit SPD-Größen wie Hannelore Kraft und Sigmar Gabriel oder mit Grünen-Politikerinnen wie Silvia Löhrmann. Begrüßt wird sie mit der Bemerkung "Und die Kanzlerin fliegt in einer Art gepanzertem Raumschiff mit ihrer CDU Richtung 45 Prozent". Gelächter im Saal, die Kanzlerin schaut erst irritiert, dann amüsiert, bevor sie für ihre Umgebung deutlich hörbar und spöttisch murmelt: "Endlich sagt's mal einer."

DAS CHAOS UND DIE KANZLERIN

Der 5. November, ein trüber Montagmorgen um kurz nach zwei Uhr morgens, im Foyer des Kanzleramts: Hier spielt sich eine Szene ab, die illustriert, warum das "Raumschiff Merkel" derzeit fliegt. Drei müde Generalsekretäre von CDU, CSU und FDP geben sich sichtlich Mühe, vor laufenden Kameras die Ergebnisse des wohl letzten wichtigen Koalitionsgipfels in dieser Legislaturperiode in rosigen Farben zu schildern. An der folgenden kritischen Berichterstattung über den "Kuhhandel" mit der Abschaffung der Praxisgebühr und der Einführung des Betreuungsgelds wird der Auftritt des Trios nichts ändern. Aber: Auf den Bildern, die in den Köpfen der Menschen bleiben werden, ist eine Person nie zu sehen - Gastgeberin Merkel.

Es ist Teil ihrer Strategie, sich in der Wahrnehmung immer weiter über die Niederungen der Koalitionsarbeit und des Parteienstreits zu erheben. "Frau Bundeskanzlerin, wir haben in Schloss Bellevue bereits einen Präsidenten", giftet SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück deshalb zwar im Bundestag in der Generaldebatte zum Haushalt 2013. Aber die Kritik ficht Merkel ebenso wenig an wie die desaströsen Umfragen für die Arbeit ihrer schwarz-gelben Koalition. Denn Steinbrück beschreibt im Prinzip nur ihre Stärke.

Ganz offensichtlich profitiert sie im öffentlichen Ansehen durch die weitgehende Distanzierung von einem bei Wählern als unangenehm oder nervig empfundenen Parteiengezänk - das letztlich aber nur zwangsläufige Folge von Koalitionsregierungen und der Machtteilung zwischen Bundestag und Bundesrat ist. Konsensbedürfnis und Verfassungswirklichkeit passen in Deutschland traditionell nicht zueinander, das hat Merkel nach ihrem Politik-Blitzstart nach der Wende gemerkt. Deshalb fahren kluge Kanzler immer besser mit einem präsidialen Regierungsstil.   Fortsetzung...

 
German Chancellor Angela Merkel arrives at a cabinet meeting at the Chancellery in Berlin November 28, 2012. REUTERS/Thomas Peter (GERMANY - Tags: POLITICS)