Studie - Deutschland auf dem Weg in die Pflegefalle

Dienstag, 4. Dezember 2012, 14:34 Uhr
 

Berlin (Reuters) - In Deutschland tickt eine Zeitbombe: Nach einer am Dienstag vorgestellten Studie der R+V-Versicherung wird die Zahl der Menschen, die einen Pflegefall in der Familie haben, in den nächsten fünf bis zehn Jahren von derzeit zehn auf 27 Millionen steigen.

"Unsere Gesellschaft rast im Eiltempo in die Pflegefalle", sagte R+V-Vorstandsmitglied Tillmann Lukosch in Berlin. Nach der Allensbach-Erhebung sind vor allem Frauen betroffen - als Pflegende, aber auch als Pflegefälle. Die soziale Sprengkraft dieser Entwicklung liegt darin, dass die gesetzliche Pflegeversicherung nicht die Kosten für die Pflegeleistungen abdeckt. Damit können Menschen im Alter zu Sozialhilfe-Fällen werden, oder ihre Angehörigen können zur Finanzierung der Pflege herangezogen werden.

Nach Angaben der R+V-Versicherung bewegt sich die Lücke zischen den Zahlungen der gesetzlichen Pflegeversicherung und den durchschnittlichen Kosten zwischen 450 und 1950 Euro. So zahlt die Krankenversicherung für einen stationär betreuten Menschen der Pflegestufe II pro Monat 1279 Euro. Die tatsächlichen Kosten setzt R+V mit 2800 Euro an. In diesem Fall muss die zum Pflegefall gewordene Person 1521 aus der eigenen Tasche zahlen. Geht das nicht, sind die Kinder unterhaltspflichtig. Erst wenn Eltern und Kinder nicht zahlen können, übernimmt der Staat die gesamten Pflegekosten.

Diese Versorgungslücke in der gesetzlichen Pflegeversicherung hebt nach Worten des R+V-Managers auch der kürzlich vorgestellte "Pflege-Bahr" nicht vollständig auf. Die nach dem Gesundheitsminister Daniel Bahr benannte Förderung privater Pflege-Zusatzversicherungen deckt demnach nur einen Teil der Versorgungslücke ab. Lukosch wies darauf hin, dass bislang nur rund zwei Prozent der Bundesbürger eine private Pflegezusatzversicherung abgeschlossen hätten.

Nach der Untersuchung sind Frauen vom Pflegerisiko und der damit zusammenhängenden Altersarmut deutlich stärker als Männer betroffen. Die typische Pflegende sei 61 Jahre alt, verheiratet, habe zwei erwachsene Kinder, pflege länger als drei Jahre und sei nicht berufstätig. Nach einer Auszeit für die Kindererziehung komme eine weitere für die Pflege, während der sie nicht berufstätig sei und deshalb auch keine Rentenansprüche aufbauen könne. Andererseits gebe es unter den Pflegebedürftigen doppelt so viele Frauen wie Männer. Da Frauen im Schnitt fünf Jahre älter werden als Männer, ist bei ihnen das Risiko zum Pflegefall zu werden, auch viel höher.