Kassen-Studie beklagt zu viele unnötige Operationen

Freitag, 7. Dezember 2012, 16:11 Uhr
 

Berlin (Reuters) - Immer mehr Deutsche kommen in der Klinik "unters Messer" - ein Großteil aus Sicht der Krankenkassen völlig unnötig.

Die Zunahme an Operationen auf 18,3 Millionen pro Jahr lasse sich mit dem medizinischen Bedarf nicht erklären, beklagte der Vorstand des AOK-Bundesverbands, Uwe Deh, am Freitag in Berlin. Eine enorme Ausweitung gebe es vor allem "bei lukrativen und planbaren Leistungen". So hat sich die Zahl der Wirbelsäulen-Operationen bei den AOK-Versicherten zwischen 2005 und 2010 mehr als verdoppelt. Eine Steigerung gibt es auch bei speziellen Untersuchungen mit Herzkathetern, wie der neue AOK-Krankenhaus-Report ergab.

"Um den wirtschaftlichen Erfolg zu sichern, steigern Krankenhäuser die Menge ihrer erbrachten Leistungen", beklagte Deh. Es gelte daher, die Versicherten zu schützen. Nach Auswertungen der Techniker Krankenkasse (TK) sind gar 87 Prozent aller Rücken-Operationen unnötig. Zwischen 2006 und 2011 sei bei ihren Versicherten die Anzahl um 25 Prozent gewachsen. Die Kliniken wiesen die Vorwürfe zurück. Der Zuwachs erkläre sich vor allem durch die Alterung der Gesellschaft und den medizinischen Fortschritt.

Dem vom Wissenschaftlichen Institut der AOK (WIdO) erstellten Krankenhaus-Report zufolge stieg die Zahl der stationären Behandlungen seit 2005 um 11,8 Prozent je Einwohner. Allein 2011 waren es 310.000 Fälle (1,7 Prozent) mehr als im Jahr davor. Von 1991 bis 2011 kletterte ihre Zahl um fast ein Viertel und liegt mit 18,3 Millionen auf Rekordniveau. Der Anstieg zeige sich vor allem in Bereichen, "die wirtschaftlichen Gewinn versprechen", sagte WIdO-Geschäftsführer Jürgen Klauber.

Neben der Entwicklung bei den Wirbelsäulen-Operationen kommt der Report zu dem Ergebnis, dass Implantationen und der Wechsel von Defibrillatoren am Herzen binnen zwei Jahren um 25 Prozent zugenommen haben. Nur ein Zehntel dieser Eingriffe sei durch das Altern der Gesellschaft zu erklären, betonte Klauber. Die Rate liege mit 465 Implantaten je eine Million Einwohner rund 84 Prozent über dem europäischen Durchschnitt.

Der Präsident der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG), Alfred Dänzer, sagte, die Zunahme an Leistungen erkläre sich durch den demografischen Wandel, die Krankheitsentwicklung und den medizinischen Fortschritt. Dies belege eine Studie des Deutschen Krankenhausinstituts (DKI) eindeutig. "Behauptungen, Krankenhäuser würden aus ökonomischen Gründen und unnötig Patienten operieren, haben keine Grundlage." Mit Ausnahme bei Not- und Unfällen kämen alle Patienten in den kritisierten Bereichen auf Einweisung eines niedergelassenen Arztes ins Krankenhaus. Dort wiederum gelte ein "Mehraugenprinzip".

Der Chef des Klinikärzteverbands Marburger Bund, Rudolf Henke, sagte, durch den medizinisch-technischen Fortschritt sei es heute möglich, auch hochbetagte Patienten zu operieren, für die solche Eingriffe früher zu gefährlich gewesen wären. Zudem führe der politisch gewollte Wettbewerb dazu, dass Kliniken sich wie Unternehmen verhielten. Nur eine stetige Umsatzsteigerung sichere ihnen das Überleben am Markt. Der Druck werde von den Geschäftsführungen an die leitenden Ärzte weitergegeben.