FEATURE-Steinbrück twittert deutlicher als er spricht

Mittwoch, 12. Dezember 2012, 17:15 Uhr
 

Berlin (Reuters) - Beim ersten gemeinsamen Auftritt des rot-grünen Spitzenduos zur Bundestagswahl geizen Peer Steinbrück und Jürgen Trittin nicht mit Freundlichkeiten.

Der SPD-Kanzlerkandidat lobt den Grünen-Fraktionschef am Mittwoch vor den Hauptstadt-Journalisten in Berlin als "sehr kenntnisreichen, sehr verlässlichen Partner", und fügt hinzu: "Selbstverständlich wird es so sein, dass man sich in einer Koalition als Partner behandelt." Trittin sieht darüber hinweg, dass Steinbrück kürzlich noch darauf hingewiesen hatte, dass die SPD in einer Koalition mit den Grünen selbstredend größeres Gewicht haben werde: "Das wird kein Oben-Unten-Verhältnis sein", sagt Trittin milde.

Die beiden Spitzenkandidaten von SPD und Grünen stellen einen gemeinsamen Antrag für den Bundestag vor, mit dem sie in der europäischen Schuldenkrise auf einen Bankenfonds dringen, der die Steuerzahler aus der Haftung für angeschlagene Banken entließe. Danach bleibt wenig Zeit für Fragen zu Rot-Grün. Kann sich Steinbrück den Grünen als seinen Finanzminister vorstellen? "Wir wollen vielleicht den Bären erstmal erlegen, eh wir das Fell verteilen", erwidert der frühere Bundesfinanzminister. Trittin meint, das Bild vom erlegten Bären sei "für eine Partei mit dem hohen Vegetarier-Anteil der Grünen vielleicht etwas schwierig, nichtsdestotrotz bleibt es richtig".

TRITTIN SPRENGT MIT LACHAUSBRUCH FAST DIE VERANSTALTUNG

Überhaupt gibt sich der Grünen-Spitzenkandidat demonstrativ gut gelaunt. Mit einem berstenden Lachen sprengt er beinahe die Veranstaltung, als ein Schweizer Journalist zur Frage an Steinbrück ansetzt, ob die SPD das Steuerabkommen mit der Schweiz am Abend im Vermittlungsausschuss endgültig beerdigen wird. "Ich weiß, was Sie fragen wollen", brüllt Trittin in einem Lachanfall prustend in die Frage hinein, "nach der Verordnung zum Bündner-Fleisch." Wer sich mit Spaß-Videos auskennt, mag darin eine Parodie auf den Schweizer Bundesrat Hans-Rudolf Merz erkennen, dessen Lachanfall im Jahr 2010 über Regeln beim Handel mit Bündner-Fleisch ein Renner bei Youtube ist.

"Prima, prima, prima", sagt Steinbrück auf die zu Ende gebrachte Frage, wie es weitergehe mit den deutsch-schweizer Beziehungen. Der Kanzlerkandidat bleibt ernst: "Die SPD wird an ihrer Position festhalten und den Entwurf des Doppelbesteuerungs-Abkommens ablehnen." Sie wolle nicht nachträglich Steuerbetrug legalisieren. Nur indirekt erwähnt er, dass er als Finanzminister die Kavallerie losschicken wollte: "Ohne jeden Ausflug in Westernfilm-Erfahrungen" sage er voraus, dass der internationale Druck auf die Schweiz zunehmen werde.

STEINBRÜCK WILL FETTNÄPFCHEN VERMEIDEN

Was Steinbrück vor den Journalisten an Deutlichkeit zu wünschen lässt, hat er eine Stunde zuvor auf anderer Bühne an den Tag gelegt: Am Vormittag gab der Kanzlerkandidat sein erstes "Twitterview" - ein Interview mit der Internetgemeinde per Twitter, bei dem Fragen und Antworten auf 140 Zeichen beschränkt sind. "Ich hoffe inständig, dass Italien die Wiederauferstehung von Berlusconi zu verhindern weiß", ließ Steinbrück dort auf die Frage wissen, was er von der erneuten Kandidatur Silvio Berlusconis für das Amt des Regierungschefs halte. Vor den Journalisten gab sich Steinbrück diplomatischer und verwies darauf, es werde verstärkt darauf geachtet, ob er ins Fettnäpfchen trete: "Ich will das heute mal vermeiden."

Der 65-jährige hatte kürzlich noch gesagt, er wolle nicht den Eindruck vermitteln, er sei "ein 25-jähriger hoch internetaffiner Typ". Nun verteidigt er, dass er doch das Internet für den Bundestagswahlkampf nutzen wolle: "Weil mich viele Fragen erreichen." Er werde aber nicht ständig twittern nach dem Motto "sitze im (Berliner Cafe) Einstein mit Einstein...".

Rund zwei Dutzend Fragen beantwortet der Kanzlerkandidat in einer Stunde im Internet - und bekennt sich zur in Teilen der SPD immer noch ungeliebten Agenda 2010 "trotz des einen oder anderen Strickfehlers". Räumt ein, dass "keine politische Partei Vollbeschäftigung herstellen oder garantieren kann". Auch eine deutliche Erhöhung der Hartz-IV-Sätze (die Grünen wollen 420 Euro statt 374 Euro) lehnt er ab: "Eine deutliche Erhöhung müsste (von) denjenigen bezahlt werden, die Steuern zahlen."

Steinbrück lässt twittern und diktiert die Antworten: "Ich lese, mein Nachbar tippt. Der ist einfach schneller." Und verrät immerhin, was seine erste Amtshandlung als Kanzler wäre: "Ein flächendeckender, gesetzlicher Mindestlohn und die Abschaffung des absurden Betreuungsgeldes."

 
Top candidates for the 2013 German general elections Peer Steinbrueck (R) of the German Social Democratic Party (SPD) and German environmental Green Party (Die Gruenen) Juergen Trittin address a news conference in Berlin December 12, 2012. REUTERS/Tobias Schwarz (GERMANY - Tags: POLITICS)