Studie - Deutsche Mittelschicht schrumpft deutlich

Donnerstag, 13. Dezember 2012, 14:22 Uhr
 

Berlin (Reuters) - Die deutsche Mittelschicht schrumpft stark: Ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung sank seit 1997 um 5,5 Millionen Menschen oder von 65 auf 58 Prozent.

"Immer weniger Menschen gelingt der Aufstieg aus den unteren Einkommen in die Mittelschicht", lautet das Fazit einer am Donnerstag veröffentlichten Studie der Bertelsmann-Stiftung mit dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). "Und selbst eine gute Ausbildung ist heute kein Garant mehr für ein Leben in gesichertem Wohlstand." Jeder Vierte in der Mittelschicht habe die latente Sorge, seinen Status zu verlieren. Mitschuld daran trage die Politik.

Von den seit Mitte der 1990er Jahren durchgeführten Steuerreformen hätten vor allem Reiche profitiert. "Die Mittelschicht wurde dagegen deutlich weniger von den geänderten Steuertarifen entlastet." Arbeitsmarktreformen und der Rückgang normaler Arbeitsverhältnisse seien eine weitere Ursache. "Die entstandenen atypischen Beschäftigungsverhältnisse sind in der Regel durch eine unterdurchschnittliche Entlohnung gezeichnet", hieß es mit Blick auf Minijobs, Teilzeit etc. Hinzu komme der Trend zu mehr Ein-Personen-Haushalten. Diese führten zu größerer Einkommensungleichheit, "da keine Ersparnisse durch gemeinsames Wirtschaften wie in größeren Haushalten erzielt werden".

"ZUSTROM VON UNTEN BLEIBT AUS"

Die Folge: Der Aufstieg in die Mittelschicht gelingt demnach immer seltener. "Die Mitte wächst nicht mehr durch einen Zustrom aus unteren Einkommensschichten", so die Forscher. Gleichzeitig verfüge die Mittelschicht aber über zunehmend bessere Bildung und höhere berufliche Positionen, was Aufstiegschancen aus der Mitte heraus nach oben eröffne. "Auch aus diesem Grund schrumpft die Mittelschicht." Allerdings gebe es deutlich mehr Abstiege als Aufstiege. Untere Einkommen der Mittelschicht seien zudem gefährdet, in einkommensschwache Bereiche abzurutschen.

Die Bertelsmann-Stiftung hält es gesellschaftspolitisch für bedenklich, dass die Abstiegswahrscheinlichkeit inzwischen größer ist als die Aufstiegschance. "Aufwärtsmobilität auf breiter Front ist eine Grundvoraussetzung für die Soziale Marktwirtschaft und den Zusammenhalt der Gesellschaft", sagte ihr Vorstandschef Aart De Geus. "Alle müssen eine realistische Chance haben, durch eigene Anstrengung die ökonomische Leiter hinaufzuklettern."

WAS IST MITTELSCHICHT?

Die Studie beruht auf dem sogenannten sozioökonomisches Panel, für das jährlich 20.000 Erwachsene befragt werden. Zur Mittelschicht gehört, wer zwischen 70 und 150 Prozent des mittleren Einkommens verfügt. Das sind beispielsweise Singles mit einem monatlichen Einkommen von rund 1130 bis 2420 Euro oder Familien mit zwei Kindern unter 18, die rund 2400 bis 5100 Euro zur Verfügung haben.

 
A man begs as pedestrians walk past at Wilmersdorfer shopping street in Berlin October 9, 2012. REUTERS/Fabrizio Bensch (GERMANYSOCIETY BUSINESS - Tags: SOCIETY BUSINESS EMPLOYMENT)