Patienten leiden unter Medikamenten-Mangel in Kliniken

Dienstag, 18. Dezember 2012, 15:20 Uhr
 

Berlin (Reuters) - In den Krankenhäusern kommt es immer öfter zu Engpässen bei der Versorgung mit Arzneimitteln.

In einem am Dienstag bekanntgewordenen Brief an die Politik räumen die großen Arzneiverbände "Lieferschwierigkeiten" ein. Diese könnten "kurzfristig sein und nur wenige Tagen dauern, aber auch längere Zeiträume umfassen". Es sei aber zwischen Liefer- und Versorgungsengpässen zu unterscheiden. Laut der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG) stehen immer häufiger auch lebenswichtige Arzneimittel nicht zur Verfügung. Die Bundesregierung kündigte an, sie wolle Anfang nächsten Jahres mit allen Beteiligten nach Lösungen suchen.

Laut einer Erhebung der DKG unter 100 Krankenhäusern standen innerhalb eines Monats 25 der 400 bis 600 von den Kliniken verwendeten Medikamente nicht zur Verfügung. Dies sei eine relevante Größenordnung. Betroffen seien auch Krebsmittel, Antibiotika sowie Präparate zur Notfallbehandlung etwa nach einem Schlaganfall. Laut Sprecher Moritz Quiske muss daher auf weniger gute Medikamente zurückgegriffen werden. Krebspatienten würden während der laufenden Therapie auf andere Präparate eingestellt, was zu Nebenwirkungen führen könne. Auch könne sich die Umstellung ungünstig auf die Tumorentwicklung auswirken.

Der Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie (BPI), der Verband forschender Arznei-Hersteller (vfa), der Bundesverband der Arzneimittel-Hersteller (BAH) und "Pro Generika" versichern in ihrem Positionspapier jedoch, bei den meisten Engpässen stünden Alternativ-Medikamente zur Verfügung, "so dass die Lieferschwierigkeit eines einzelnen Herstellers von anderen Herstellern aufgefangen wird". Krankenhaus-Apotheken seien zudem verpflichtet, alle Medikamente für einen Zeitraum von zwei Wochen vorrätig zu halten, betonte BPI-Sprecher Joachim Odenbach.

Die Politik zeigte sich alarmiert. Ein Sprecher von Gesundheitsminister Daniel Bahr sagte, aufgrund der Hinweise von Ärzten, Apotheken und Industrie über Lieferschwierigkeiten hätten bereits Gespräche über Ursachen und Gegenmaßnahmen stattgefunden. Diese würden zu Beginn des nächsten Jahres mit allen Beteiligten fortgesetzt.

Der gesundheitspolitische Sprecher der Unions-Fraktion, Jens Spahn, zeigte sich über die Lieferlücken empört: "Deutschland ist keine Bananenrepublik. Als Industrieland können wir uns Engpässe bei Arzneimitteln nicht leisten." Auch der FDP-Gesundheitsexperte Lars Lindemann betonte, die Politik müsse sich die Gründe für das "Marktversagen" ansehen. Ob der Gesetzgeber eingreifen müsse, könne noch nicht beurteilt werden.

HERSTELLER: VIELFÄLTIGE URSACHEN

Die Engpässe haben nach Angaben der Pharmabranche vielfältige Gründe. Einer sei der zunehmende Kostendruck. Dieser führe dazu, dass eine Konzentration auf wenige Hersteller stattfinde und Produktionen an möglichst günstige Standorte verlagert würden, sagte Odenbach. Betroffen von Engpässen seien insbesondere Medikamente, für die der Patentschutz ausgelaufen sei. Da für sie nur geringe Preise gezahlt würden, lohne sich die Herstellung für immer weniger Firmen.

Weitere Gründe können nach Angaben der Verbände Probleme von Zulieferern bei der Anlieferung von Wirkstoffen, der Ausfall von Anlagen, die Sperrung mangelhafter Produktionschargen sowie eine unerwartet hohe Nachfrage etwa nach einer Krankheitswelle sein.

Die Krankenhausgesellschaft kritisierte, Engpässe träten für die Kliniken meist plötzlich und ohne Vorabinformation auf. Der Verband fordert daher den Aufbau eines zentralen Melderegisters für Lieferengpässe. Die Industrie zeigte sich aufgeschlossen.

In Deutschland werden jedes Jahr mehr als 1,6 Milliarden Medikamenten-Packungen abgegeben. Im Durchschnitt sind dies 4,5 Millionen Packungen pro Tag. Bereits zur Jahresmitte hatte es Berichte über Lücken in der Medikamentenversorgung für Kliniken gegeben.