INSIGHT-Steigende Beiträge und "Unisex" - Image der PKV bedroht

Mittwoch, 19. Dezember 2012, 10:10 Uhr
 

Berlin (Reuters) - "Immer zum Jahresanfang wird das erhöht", schimpft Lothar Meyer aus Berlin. Vor rund 20 Jahren habe er für seine private Krankenversicherung noch 800 Mark bezahlt - jetzt sind es 1274 Euro pro Monat.

Der Beitrag sei ihm entschieden zu hoch, sagt der 64-Jährige, der einst als selbstständiger Unternehmer der PKV beitrat. "Als Rentner sitzt das alles nicht mehr so dicke."

Meyer mag ein extremer Fall sein, doch werden Verbraucherzentralen und Versicherungsmakler in den vergangenen Jahren immer häufiger mit Klagen von Privatversicherten konfrontiert, denen ihr Beitrag allmählich über den Kopf wächst. Im Gegenzug bietet längst nicht mehr jeder Tarif Top-Leistungen an. Das Image der Branche hat Risse bekommen. Als Reaktion darauf will sie sich nun weitgehend von Billigtarifen verabschieden und verstärkt auf ihr jahrelanges Markenzeichen konzentrieren: bessere Leistungen im Vergleich zu den gesetzlichen Kassen.

Fakt ist: Auch in diesem Jahr wird es für viele PKV-Versicherte teurer. Anders als in den Vorjahren wird es sich nach Einschätzung von Branchenvertretern aber für die Altkunden um moderate Beitragsanpassungen handeln. Gleichwohl erwarten Experten in einigen Tarifen massive Sprünge. Vor allem aber Neukunden müssen durch die Umstellung auf die neuen Unisex-Tarife ab diesem Freitag tiefer in die Tasche greifen.

Bei der Allianz gehen die Beiträge für die Bestandskunden im Schnitt um drei Prozent, bei der Gothaer um 2,89 Prozent, bei der LVM-Versicherung um 2,76 Prozent, bei der HanseMerkur um 2,6 Prozent, beim Münchner Verein um 2,19 Prozent und bei der AXA um zwei Prozent in die Höhe, wie die Unternehmen auf Nachfrage mitteilten. Immerhin bleibt für rund ein Drittel der zehn Millionen PKV-Versicherten aber alles beim Alten. Einen wesentlichen Anteil daran hat Marktführer Debeka, der für seine 2,2 Millionen Mitglieder in den Vollversicherungen nichts verändern will. Die Barmenia kündigt gar eine Senkung im Schnitt um 0,3 Prozentpunkte an.

In früheren Jahren sah die Situation deutlich düsterer aus: 2010 etwa stiegen die Beiträge im Durchschnitt um 7,27 Prozent, wie aus einer Antwort des Finanzministeriums auf eine Anfrage der Linken vom April hervorgeht. Davor waren es 3,4 Prozent (2009) und 3,93 Prozent (2008). Im Mittel schossen die Beiträge von 2000 bis 2010 um 5,7 Prozent in die Höhe.

EXPERTE: EXTREME BEITRAGSSPRÜNGE ZU ERWARTEN

Lars Gatschke, Versicherungsexperte beim Bundesverband der Verbraucherzentralen (vzbv), warnt aber auch für den bevorstehenden Jahreswechsel vor einer zu rosigen Sichtweise: "Die augenblickliche Beitragskalkulation kann nicht verhindern, dass es stellenweise zu sprunghaften und extremen Beitragssprüngen kommt." Sporadisch könne es "sehr üppig werden". Der Duisburger Gesundheitsökonom Jürgen Wasem beschreibt die Situation als heterogen. Die Unternehmen hätten zuletzt zu unterschiedlichen Zeitpunkten die Prämien in den einzelnen Tarifen verändert. Der Anpassungsbedarf sei daher ganz unterschiedlich.

Versicherungsmakler Javier Garcia aus Bad Oeynhausen kann von dieser Heterogenität ein Lied singen. 1000 Euro Monatsbeitrag seien keine Seltenheit, sagt er. "Für einen Rentner ist das nicht mehr zu bezahlen." Bei einem 63-jährigen Kunden von ihm steige der Beitrag zum Jahreswechsel um 54 Prozent, bei einer anderen Kundin verlange die Versicherung knapp 20 Prozent oben drauf und bei einer 36-Jährigen seien es 16 Prozent. "Dass einige Versicherer ihre Beiträge in diesem Jahr nicht oder kaum erhöhen, nutzt einem Versicherten, der am Rande seiner finanziellen Belastbarkeit angekommen ist, herzlich wenig", sagt er.   Fortsetzung...

 
A puppet of a doctor is pictured at the clinic of paediatrician Thomas Fischbach in the western town of Solingen September 4, 2012. REUTERS/Ina Fassbender (GERMANY - Tags: BUSINESS EMPLOYMENT HEALTH)