Merkel wird im Wahlkampf plötzlich persönlich

Sonntag, 6. Januar 2013, 15:45 Uhr
 

Wilhelmshaven/Braunschweig (Reuters) - 14 Minuten Rede bei einem Wahlkampf-Auftakt - wer nach der bloßen Länge der Rede von Angela Merkel in der Braunschweiger Volkswagen-Halle geht, könnte den Eindruck bekommen, dass sich die Kanzlerin im niedersächsischen Landtagswahlkampf nicht sonderlich engagiert.

Aber der Eindruck täuscht. Denn die CDU-Chefin tritt nicht nur gleich sieben Mal innerhalb von zwei Wochen bis zur Wahl am 20. Januar in Niedersachsen auf, um die Wiederwahl von Ministerpräsident David McAllister zu sichern. Und sie hatte gerade schon die Bundesvorstandsklausur im niedersächsischen Wilhelmshaven absolviert - weil auch die Kanzlerin die Wahl als "Richtungsentscheidung" im Wahljahr 2013 sieht, in dem sie selbst um die Wiederwahl kämpfen muss.

Die rund 5000 aus allen Landesteilen angereisten CDU-Anhänger in Braunschweig kommen offenbar trotz der Kürze der Rede ohnehin auf ihre Kosten. Zum einen wollten die meisten ihrem Spitzenkandidaten McAllister zujubeln. Zum anderen wird ausgerechnet Merkel, der oft eine unpersönliche, abstrakte Sprache vorgeworden wurde, plötzlich sehr persönlich.

ÜBER STEINBRÜCK REDET MERKEL NICHT

Dabei erzählt sie anders als früher keine Anekdoten mehr aus ihrer DDR-Vergangenheit. Auch persönliche Angriffe auf ihren SPD-Gegenkandidaten Peer Steinbrück, der am Freitagabend in Emden in die heiße Wahl des Wahlkampfes eingegriffen hatte, unterlässt die CDU-Chefin völlig. Als sie in Wilhelmshaven zum Ende der CDU-Bundesvorstandsklausur nach ihrer Meinung zu Steinbrück gefragt wird, sagte sie nur: "Ehrlich gesagt, ich kümmere mich um mein Agieren. Damit bin ich ganz zufrieden. Den Rest kommentieren Andere." Das nimmt dann der Wahlkämpfer McAllister ab, der mit einem süffisanten Lächeln auf Steinbrücks vermeintliche oder tatsächliche Fettnäpfchen anspielt: "Von mir aus kann er in Niedersachsen auftreten. Mich stört er nicht."

Aber bei Merkel geht es nach einer Serie von SPD-Siegen bei Landtagswahlen nur um die politischen Positionen von SPD und Grünen, von denen sie sich bewusst absetzt. Anders als in den Jahren 2011 und 2012, als die Kanzlerin selbst auf Marktplätzen lange über den Euro und die Notwendigkeit der Rettungspakete geredet hatte, wählt sie nun zu Beginn des Jahres 2013 einen neuen völlig Wahlkampf-Stil: Den Euro erwähnt sie gar nicht mehr, statt dessen aber Arbeitsplätze, Forschung und die richtigen Rahmenbedingungen für Wachstum.

ANTREIBERIN DES PARTEIVOLKS

Und sie spricht die 5000 Unionisten direkt an: "Es geht nicht um Pöstchen und Posten, um Ideologien, sondern um das Leben jedes einzelnen Niedersachsen und seine Zukunft", hämmert sie ihren Zuhörern ein. Tags zuvor hatte sie bereits beim Neujahrsempfang der CDU Wilhelmshaven vor fünf verlorenen Jahren, vor den Gefahren des Stillstands in einer sich schnell wandelnden Welt und dramatischen Auswirkungen auf das Leben jedes Einzelnen gewarnt.

Stärker als früher versucht Merkel zudem, auch verbal die große Politik auf den Alltag herunterzubrechen: "Was glauben Sie, wie das mit der Schule ist, bei welcher Landesregierung die Kinder besser lernen können?", fragt sie etwa. Auch die abstrakte Forderung nach Sanierung der öffentlichen Finanzen will sie jetzt besser verständlich machen. "Er (McAllister) sollte der erste Ministerpräsident sein, der einen ausgeglichenen Haushalt hat", meint Merkel. "Weil es da wieder ums SIE als Bürger von Niedersachsen geht, um IHRE Kinder und Enkel."   Fortsetzung...

 
German Chancellor and Christian Democratic Union (CDU) party leader Angela Merkel, Lower Saxony federal state premier and top candidate of the CDU in the federal state elections David McAllister (L) wave after their speeches during the CDU's initial election campaign event in Brunswick, January 5, 2013. A regional election will be held on January 20 in Lower Saxony state, with Merkel's conservatives fighting to prevent a loss of local power to their Social Democrat rivals that could dent the chancellor's 2013 re-election hopes. REUTERS/Morris Mac Matzen (GERMANY - Tags: POLITICS ELECTIONS)