Experten streiten über Regeln für Turbo-Börsenhandel

Freitag, 11. Januar 2013, 16:00 Uhr
 

Berlin/Frankfurt (Reuters) - Die Bundesbank und die Deutsche Börse mahnen die schwarz-gelbe Koalition bei der geplanten Regulierung des umstrittenen Hochfrequenzhandels zu Augenmaß.

Beide warnten am Freitag vor zu weitreichenden Forderungen wie einer Mindesthaltedauer von Handelsaufträgen. Genau solche Fristen verlangt dagegen der Bundesverband Investment und Asset Management (BVI) in einer Stellungnahme für den Bundestag - allerdings auf europäischer Ebene. Der Bundestags-Finanzausschuss will am kommenden Mittwoch Experten zu einem Gesetzentwurf der Bundesregierung anhören, mit dem die Hochfrequenzhändler erstmals gesondert reguliert werden sollen.

Deutschland prescht damit - wie im Mai 2010 bereits mit dem Verbot ungedeckter Leerverkäufe - bei der Regulierung vor, statt auf eine einheitliche europäische Richtlinie aus Brüssel zu warten. Aus Sicht der Deutschen Börse ist das eine große Gefahr. "Ein nationaler deutscher Alleingang bei der Regulierung von Hochfrequenzhandel kann den deutschen Finanzplatz massiv benachteiligen", erklärte der Konzern in seiner Stellungnahme, die Reuters exklusiv vorlag. "Es droht die Gefahr, dass es zu einer Abwanderung von Markteilnehmern aus Deutschland in andere Länder oder weniger regulierte Märkte kommt."

Hochfrequenzhändler schlagen Profit aus minimalen Kursdifferenzen, indem ihre IT-Systeme binnen Millisekunden zahllose Aufträge an die Börse abfeuern. In den USA gehen bereits 70 Prozent der Umsätze auf den superschnellen Handel zurück, in Deutschland etwa 40 Prozent. In den USA kam es zuletzt wiederholt zu schwerwiegenden Pannen, darunter der "Flash-Crash" im Mai 2010, als der Dow Jones-Index binnen Minuten 1000 Punkte verlor. Ursache war ein fehlerhafter Auftrag, dessen Effekt die Computer verstärkten.

Um solche Abstürze in Deutschland auszuschließen, will die Koalition die Betreiber zwingen, sich bei der Börsenaufsicht zu registrieren und dort ihre Algorithmen offenzulegen. HFT-Orders werden zudem markiert. Außerdem muss zwischen Orderanfragen und ausgeführten Orders ein angemessenes Verhältnis bestehen (order-to-trade-ratio). Geplant ist auch, die Zahl der Nachkommastellen bei den Kursen zu beschränken. Andere Praktiken wie "Scalping" werden als Missbrauch eingestuft. Dabei wird versucht, durch irreführende Marktsignale die Kurse zu beeinflussen.

NOTSCHALTER SOLL COMPUTERPANNEN STOPPEN

Die Bundesbank forderte in ihrer Stellungnahme für den Finanzausschuss, dass Marktmacher (Skontroführer) von bestimmten Regelungen ausgenommen werden, um ihre Tätigkeit als Liquiditätssteller nicht zu beeinträchtigen. Zudem empfiehlt sie die Einführung eines "Not-Aus-Schalters", mit dem fehlerhafte oder marktschädigende Algorithmen im Notfall ausgeschaltet werden könnten. Handelsunterbrechungen dürften aber nur das letzte Mittel sein, weil dadurch das Risiko bestehe, dass Händler offene Position nicht schließen könnten.

Eine Mindesthaltedauer von Handelsaufträgen, die im deutschen Gesetzentwurf nicht enthalten ist, jedoch vom EU-Parlament auf europäischer Ebene vorangetrieben wird, lehnen die Bundesbank, die Deutsche Börse und das Deutsche Aktieninstitut ab. Durch diesen weltweit einmaligen Schritt würde die Liquidität am Markt sinken und die Kosten für alle Anleger steigen, warnte die Börse. "Die angestrebte Entschleunigung der Märkte kann hierdurch nicht erreicht werden."

Der BVI begrüßte die geplanten Schutzmechanismen, forderte aber noch stärkere Sicherheitsnetze. Auch aus Gründen der systemischen Sicherheit solle ein technologisches Wettrennen um den schnellsten Ausführungsweg vermieden werden. Dazu seien Mindesthaltefristen unabdingbar. Das Europäische Parlament hatte für eine Mindesthaltedauer von 500 Millisekunden plädiert. Die Koalition hatte sich allerdings dagegen entschieden.

Einig sind sich die Befragten, dass der Hochfrequenzhandel prinzipiell eine positive Rolle im Börsenhandel spielen kann - vor allem, weil er Liquidität bereitstellt und Preisdifferenzen ausgleicht. Marktmissbräuchliche Praktiken müssten aber durch eine verhältnismäßige Regulierung unterbunden werden, betonte das Deutsche Aktieninstitut.