EXKLUSIV-BND-Studie - Die USA werden unabhängig von Golfregion

Donnerstag, 17. Januar 2013, 15:20 Uhr
 

Berlin (Reuters) - Der neue Gas- und Ölreichtum der USA wird die Politik im Nahen Osten nach Einschätzung von Geheimdienstexperten massiv verändern.

In einer vertraulichen Studie des Bundesnachrichtendienstes (BND) heißt es nach Informationen der Nachrichtenagentur Reuters, durch die riesigen Schiefergas- und Ölfunde würden die USA bis 2020 vom größten Energieimporteur der Welt zu einem Exporteur von Öl und Gas. Dadurch ändere sich auch das Machtgefüge zwischen der Supermacht und dem aufstrebenden China.

Hintergrund ist der Boom bei der durch neue Technologien möglich gewordene Produktion von Gas und Öl in den USA, etwa in North Dakota oder Texas. Schieferöl und -gas wird mit Hilfe des sogenannten Fracking gewonnen. Dabei werden die Rohstoffe mit Horizontalbohrungen unter Einsatz von hohem Druck, Chemikalien und Wasser aus dem Schiefergestein gelöst. Die Funde sind nach Einschätzung der Internationale Energieagentur (IEA) so groß, dass die USA Russland und Saudi-Arabien bis 2020 als größte Ölproduzenten einholen könnten.

Umwälzungen auf den weltweiten Energiemärkten erwarten Experten durch die Funde in den USA schon seit längerem. In der BND-Studie analysieren die Autoren jetzt auch die gravierenden wirtschaftlichen, finanziellen und geostrategischen Folgen. Dramatisch seien vor allem die Folgen in den internationalen Beziehungen und das Machtgefüge zwischen den USA und China.

FIXIERUNG AUF DEN NAHEN UND MITTLEREN OSTEN ENDET

Betroffen sein wird vor allem die Golfregion: Die USA hätten sich bisher politisch und militärisch deshalb so massiv im Nahen und Mittleren Osten engagiert, weil sie von den dortigen Energielieferungen abhängig gewesen seien. Bald könnten die Vereinigten Staaten aber komplett auf Lieferungen aus der Region verzichten, sagt die BND-Studie voraus. Damit werde "die außen- und sicherheitspolitische Handlungsfreiheit" für die Regierung in Washington erheblich zunehmen. Unter anderem verliere die vom Iran angedrohte Sperrung der Straße von Hormus deshalb für die Amerikaner an Schrecken, weil die Versorgung des Landes künftig nicht mehr von Lieferungen der arabischen Staaten abhängig sei.

Großer Verlierer der Entwicklung könnte dagegen China sein, prognostiziert die Studie. Denn das Land werde mit seinem ungebremsten, wachsenden Rohstoffbedarf künftig die Hälfte des arabischen Öls abnehmen. Damit aber nehme die Abhängigkeit von der Golfregion in einer Zeit zu, in der China noch nicht über genügend militärische Mittel verfüge, die für sie wichtigen Transportwege auch zu schützen. Bisher, so schreiben die Autoren, sicherten vor allem die Milliarden-Investitionen der USA in ihre weltweit agierende Flotte die Sicherheit und Freiheit der Handelswege. Davon profitiere vor allem auch China.

Mit dem immer weiter abnehmenden Interesse an der Sicherheit der Rohstofflieferungen etwa aus Saudi-Arabien dürfte aber im Gegenzug in Washington die Bereitschaft sinken, immer neue große Milliardenbeträge in die militärische Kapazitäten für diese Region zu stecken. "Die Verwundbarkeit chinesischer Energieversorgungsrouten" werde also wachsen und der Handlungsspielraum der USA gegenüber dem potenziellen Rivalen erheblich zunehmen.

RUSSLAND ZÄHLT ZU VERLIERERN - DEUTSCHLAND ZU GEWINNERN   Fortsetzung...

 
REUTERS/Azad Lashkari (IRAQ - Tags: ENERGY BUSINESS COMMODITIES POLITICS)