Kritik an Brüderle entfacht FDP-Debatte über Frauenbild

Donnerstag, 24. Januar 2013, 17:41 Uhr
 

Berlin (Reuters) - Der Vorwurf einer anzüglichen Annäherung des FDP-Fraktionschefs Rainer Brüderle an eine Journalistin haben in der Partei eine Debatte über ihren Umgang mit Frauen entfacht.

"Die FDP ist das Schlusslicht, wenn es darum geht, Gleichberechtigung in der eigenen Partei zu leben", sagte die Europapolitikerin Silvana Koch-Mehrin am Donnerstag der Nachrichtenagentur Reuters. Hier müssten sich grundsätzliche Einstellungen verändern. Sie begrüßte, dass die "Stern"-Journalistin Laura Himmelreich den Mut gehabt habe, in ihrem Artikel "das Thema Anzüglichkeiten so offen zu benennen". Die FDP-Abgeordnete Birgit Reinemund nahm ihre Partei und Brüderle dagegen in Schutz: "Als Mensch und Frau wurde ich in der FDP immer mit Anstand und korrekt behandelt, gerade auch von Rainer Brüderle", sagte die Vorsitzende des Finanzausschusses zu Reuters. Die Parteispitze wie auch Brüderle selbst wollten sich nicht äußern.

Himmelreich berichtete unter der Überschrift "Der Herrenwitz" über eine Begegnung mit Brüderle am Vorabend des traditionellen Dreikönigstreffens vor gut einem Jahr an der Hotelbar. Im Verlauf des Gesprächs sei sein Blick auf ihren Busen gewandert. "Sie können ein Dirndl auch ausfüllen", soll er gesagt haben. Er habe dann nach ihrer Hand gegriffen, sie geküsst und gesagt: "Ich möchte, dass Sie meine Tanzkarte annehmen." Die damals 28-Jährige reagierte ihren Angaben zufolge mit den Worten: "Herr Brüderle. Sie sind Politiker, ich bin Journalistin." Der Fraktionschef habe entgegnet: "Politiker verfallen doch alle Journalistinnen." Daraufhin habe sie gesagt: "Ich finde es besser, wir halten das hier professionell." Antwort Brüderle: "Am Ende sind wir alle nur Menschen." Bei der Verabschiedung von den umstehenden Männern sei Brüderle schließlich mit seinem Gesicht sehr nah auf ihr Gesicht zugesteuert. Brüderles Sprecherin habe sich dafür bei Himmelreich entschuldigt.

"STERN" VERTEIDIGT ARTIKEL

Führende FDP-Politiker kritisierten das Magazin. Außenminister Guido Westerwelle wurde in Medien mit dem Satz zitiert: "Diese Art der Berichterstattung ein Jahr nach einem angeblichen Vorfall ist zutiefst unfair." Vorstandsmitglied Wolfgang Kubicki sagte "Spiegel Online": "Es ist schade, auf welches Niveau der 'Stern' mittlerweile gesunken ist." Er wundere sich, dass die junge Journalistin offensichtlich über ein Jahr gebraucht habe, um ihr Erlebnis zu verarbeiten. Reinemund kritisierte, nach mehr als einem Jahr sei der Bericht keine Nachricht, sondern lächerlich. Der thüringische Generalsekretär Patrick Kurth sagte der "Mitteldeutschen Zeitung" (Freitagausgabe), der Bericht rieche "nach Inszenierung statt Recherche". FDP-Präsidiumsmitglied Elke Hoff sprach von einem "rücksichtslosen Schlag unter die Gürtellinie".

Kritik kam auch von der SPD. "Es zeugt für mich von einem merkwürdigen Berufsverständnis, als Journalistin um Mitternacht an einer Hotelbar ein offizielles Gespräch mit einem Politiker führen zu wollen", sagte der Innenexperte Sebastian Edathy der "tageszeitung" vom Freitag.

Himmelreich antwortete im Kurznachrichtendienst Twitter auf die Frage, warum sie die Geschichte erst jetzt öffentlich mache: "Weil es relevant ist, wenn das 'neue Gesicht' der FDP veraltete Klischees lebt." Auch auf seiner Online-Seite verteidigt der "Stern" den Bericht und spricht selbst von einem Tabubruch. Es gehe nicht um das "gemeinsame Weinchen in entspannter Atmosphäre", sondern darum, auf welcher Basis sich Journalistinnen und Politiker begegneten. Dies sei ein "schmaler Grat".

Angesichts der Relevanz des Themas müsse dies "aus der Nische FDP-Kritik" herauskommen, forderte Koch-Mehrin. "Das Thema ist größer als die FDP und geht über diese hinaus." Viele Journalistinnen, Praktikantinnen und auch die eine oder andere Politikerin hätten sicher ähnliche Erfahrungen gemacht. Sexismus und Übergriffe im beruflichen Umfeld seien immer noch ein Problem. Im "Spiegel" schilderte etwa die Reporterin Annett Meiritz von ähnlichen Erlebnissen mit Mitgliedern der Piratenpartei.

Über den Stand der Frauen in der FDP gibt es immer wieder Diskussionen. Im vergangenen Jahr war die damalige Vorsitzende der Liberalen Frauen Hessen, Brigitte Susanne Pöpel, aus "frauen- und familienfeindlichen Gründen" aus der Partei ausgetreten. Sie hatte kritisiert, es sei nicht gewünscht, dass Frauen etwas in der Partei zu sagen hätten. Auch Koch-Mehrin beanstandete, wirksame Schritte, um den Frauenanteil zu erhöhen, gebe es in der FDP nicht. Schon jetzt gebe es kaum Frauen in der Partei und es würden immer weniger.

 
Parliamentary faction leader of the liberal Free Democratic Party (FDP) Rainer Bruederle attends a news conference where he is proposed as his party's top candidate in this year's general election at the FDP headquarters in Berlin, January 21, 2013. REUTERS/Thomas Peter (GERMANY - Tags: POLITICS ELECTIONS)