Pferdefleisch-Skandal in Deutschland weitet sich aus

Donnerstag, 14. Februar 2013, 16:30 Uhr
 

Berlin/London (Reuters) - Der Pferdefleisch-Skandal zieht immer weitere Kreise.

Die Supermarktketten Edeka und Real bestätigten die Entdeckung von Pferdefleisch-Anteilen in Tiefkühl-Lasagne, Rewe nahm vorsorglich mehrere Produkte aus dem Angebot. In Proben mehrerer britischer Schlachtpferde wurde zudem das Medikament Phenylbutazon nachgewiesen, wie die britische Lebensmittelbehörde FSA am Donnerstag mitteilte. Das Fleisch der Tiere sei nach Frankreich exportiert und möglicherweise bereits verzehrt worden. Das Schmerzmittel Phenylbutazon wird Sportpferden gegen Entzündungen verabreicht, darf aber wegen seiner potenziell schädlichen Wirkung nicht bei Schlachttieren angewendet werden.

Um das Problem der Falsch-Deklarationen in den Griff zu bekommen, schlug die EU-Kommission verstärkte Gentests bei Fleischwaren vor. Auch bei Pferdemetzgereien und anderen Betrieben, die Pferdefleisch verarbeiten, sollten Proben genommen werden, kündigte Gesundheitskommissar Tonio Borg an. Sie sollen auf Rückstände von Pferde-Medikamenten untersucht werden. Die EU-Regierungen sollen am Freitag über die Vorschläge abstimmen.

Bundesverbraucherschutzministerin Ilse Aigner begrüßte den Vorschlag der EU-Kommission. So lasse sich herausfinden, ob es sich um einen Einzelfall oder systematischen Betrug handle, erklärte CSU-Politikerin. Bisher gebe es zwar keine Hinweise auf eine Gesundheitsgefährdung, es sei aber ein "krasser Fall von Verbrauchertäuschung". Die europäischen Ermittlungsbehörden müssten nun gemeinsam in dem Fall vorgehen.

Der nordrhein-westfälische Verbraucherschutzminister Johannes Remmel wollte auch eine Gesundheitsgefahr für die Verbraucher nicht ausschließen. Pferdefleisch sei an sich nicht billiger als Rindfleisch, daher sei es ihm unerklärlich, warum es untergemischt wurde, sagte der Grünen-Politiker. "Da muss es ja irgendeinen Grund geben, und dem gehen wir nach, aber Ergebnisse haben wir noch nicht."

EU WILL RASCHERE REFORM VON KENNZEICHNUNGSREGELN

Die EU will auch die Reform der europäischen Kennzeichnungsregeln beschleunigen. Möglicherweise sollen Unternehmen künftig gezwungen werden, auch bei verarbeitetem Fleisch das Herkunftsland anzugeben. Bisher gilt diese Pflicht nur für frisches Rindfleisch. Ab Dezember 2014 soll die Regelung voraussichtlich auf frisches Lamm- und Schweinefleisch sowie Geflügel ausgedehnt werden.

Die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft forderte eine strengere Kontrolle der Fleischindustrie. "Auf den Höfen müssen wir jedes Rind von Geburt an in einer bundesweiten Internet-Datenbank eintragen und jeden Verkauf oder Kauf von Rindern mit Angaben der Handelspartner sofort registrieren lassen", erklärte der Vorsitzende des Verbandes, Bernd Voß. Die Fleischindustrie müsse die gleichen strengen Regeln gesetzt bekommen. "Es müssen Warnglocken läuten, wenn sich wundersame Mengenvermehrungen für eine Fleischart ergeben".

Auch die Grünen-Fraktionschefin Renate Künast forderte eine genaue Etikettierung und Dokumentation der Produktionskette. "Wir müssen eine Rückverfolgbarkeit von Fleisch haben", sagte sie dem Bayerischen Rundfunk. "Diese trickreichen Geschäfte, wo man gar nicht mehr nachvollziehen kann, wo das Fleisch eigentlich herkommt - da müssen wir ran." Eine Kennzeichnung von verarbeitetem Fleisch ist nach den Worten ihres Parteifreunds Remmel allerdings schwierig. Die Etiketten könnten in diesem Fall nicht direkt am Produkt angebracht werden, gab Remmel im Gespräch mit dem WDR zu bedenken.

Die Metro-Tochter Real rief das Produkt "TiP Lasagne Bolognese, 400g, tiefgekühlt" zurück. "Diese Maßnahme erfolgt rein vorsorglich, da zu keinem Zeitpunkt ein Hinweis auf ein gesundheitliches Risiko für Verbraucher bestand", erklärte das Unternehmen. Der Schweizer Lebensmittelkonzern Nestle kritisierte, der Skandal schade der gesamten Branche.

Lebensmittelkontrolleure hatten zuerst in Irland festgestellt, dass Rindfleischprodukte auch Pferdefleisch enthielten. Inzwischen weitet sich der Skandal auf immer mehr Länder aus. Ein Untersuchungsbericht des britischen Parlaments geht davon aus, dass die bisherigen Funde von Pferdefleisch nur die "Spitze des Eisbergs" sind. "Das Ausmaß der Verunreinigung, das in der Produktionskette offenbar wird, ist atemberaubend", sagte Anne McIntosh, die Vorsitzende des Agrarausschusses, der den Bericht erstellt hatte.Thomasson in Vevey; redigiert von Michael Nienaber)

 
A ready-made meal of Lasagne is pictured in Dortmund February 14, 2013. REUTERS/Ina Fassbender