Arbeitsministerin läßt Leiharbeit bei Amazon überprüfen

Sonntag, 17. Februar 2013, 14:20 Uhr
 

Berlin (Reuters) - Nach einem Bericht über menschenunwürdige Arbeitsbedingungen beim Versandhändler Amazon droht Arbeitsministerin Ursula von der Leyen der betroffenen Leiharbeitsfirma mit Konsequenzen.

In Kürze werde der Bericht von Sonderprüfern vorliegen, sagte die CDU-Politikerin der "Welt am Sonntag". Sollten sich die Vorwürfe gegen die Zeitarbeitsfirma bestätigen, stehe deren Lizenz auf dem Spiel. Eine Sprecherin der Bundesagentur für Arbeit sagte am Sonntag, untersucht werde, ob sich das Zeitarbeitsunternehmen an seine vertraglichen Zusagen gehalten habe.

Von Amazon war zunächst keine Stellungnahme zu erhalten. Der Internet-Riese stand bereits in der Vergangenheit wegen der Arbeitsbedingungen seiner Mitarbeiter in der Kritik. Der Bundesarbeitgeberverband der Personaldienstleister (BAP) distanzierte sich von den in dem Bericht dargestellten Arbeitsbedingungen.

In einer am Mittwochabend ausgestrahlten ARD-Reportage wurden die Arbeitsbedingungen von Leiharbeitern in Amazon-Logistik-Zentrum im hessischen Bad Hersfeld angeprangert. Demnach wurden während des Weihnachtsgeschäfts Leiharbeiter aus dem Ausland - Spanien und Polen - in überbelegten Ferienwohnungen untergebracht, schlechter bezahlt als versprochen und stundenlang in Bussen hin und her gefahren. Die Sozialbeiträge für die Beschäftigten seien zudem nicht korrekt abgeführt worden.

Zudem berichteten die Autoren des ARD-Beitrags im Hessischen Rundfunk, die ausländischen Arbeitsnehmer seien von dem Sicherheitsdienst H.E.S.S. auf Schritt und Tritt kontrolliert worden. Die Firma, die in ihrer Abkürzung den gleichen Namen wie Hitler-Stellvertreter Rudolf Hess trägt, soll demnach Kontakte in die Neonazi-Szene haben. Mitarbeiter hätten neonazi-typische Kleidungsmarken getragen und der Geschäftsführer der Firma zeige sich auf Fotos im Internet mit verurteilten Rechtsextremen, erklärten die ARD-Journalisten.

H.E.S.S. erklärte in einer Stellungnahme, es sei ein politisch und weltanschaulich neutrales Unternehmen und weise Verbindungen zum Rechtsextremismus zurück.

AUSLÄNDISCHE LEIHARBEITER SOLLEN FAKTISCH RECHTLOS SEIN

Im Hessischen Rundfunk berichtete die Autorin des ARD-Beitrags, Diana Löbl, weiter, die ausländischen Arbeitnehmer würden sich nicht beschweren. "Ein Gewerkschaftssekretär sagte zu uns, die Leiharbeiter seien faktisch rechtlos." Sie lebten nur für einige Wochen in Deutschland, die Arbeitsbedingungen seien ihnen auch ziemlich egal. Co-Autor Peter Onneken sagte: "Die Leiharbeiter tauchen auch in unserem Alltag nicht auf, etwa in einer Fußgängerzone. Sie leben in Feriendörfern, die im Winter sonst völlig verwaist wären. Es ist, als wären sie gar nicht da."

In der "Welt am Sonntag" erklärte Amazon, das Management gehe jedem bekannt gewordenen Vorfall nach und sorge nach Bedarf für Verbesserungen. Im selben Blatt erklärte der für Amazon zuständige Vertreter der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi, Heiner Reimann, Amazon sei so schnell gewachsen, dass das Unternehmen mit der nötigen Infrastruktur nicht nachgekommen sei: "Toiletten, Kantinen, die Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr: Alles ist dieser schieren Masse zusätzlicher Menschen nicht gewachsen."

Der Chef des Zeitarbeit-Branchenverbandes BAP, Volker Enkerts, teilte mit, kein Mitgliedsunternehmen sei im Fall Amazon für Unterbringung und Verpflegung der Arbeitnehmer verantwortlich gewesen. Auch sei von keinem BAP-Mitglied die Sicherheitsfirma H.E.S.S. beauftragt worden. Der BAP distanziere sich auf das Schärfste von den dargestellten Arbeitsbedingungen.

 
Work is carried out at Amazon's logistics centre in Graben near Augsburg December 17, 2012. REUTERS/Michael Dalder