Ex-Transnet-Chef verärgert Bahn und Gewerkschaften

Freitag, 16. Mai 2008, 17:18 Uhr
 

Berlin (Reuters) - Noch vor seinem Amtsantritt hat der künftige Bahn-Arbeitsdirektor Norbert Hansen massiven Ärger ausgelöst.

Bahn-Chef Hartmut Mehdorn rügte den Ex-Gewerkschaftschef am Freitag scharf für seine Ankündigung weiterer Stellenkürzungen. "Spekulationen über einen Personalabbau bei der Bahn sind an den Haaren herbeigezogen", sagte Mehdorn in Berlin. Die Bundesregierung stellte klar, dass der Verzicht auf Entlassungen bis 2023 Bedingung für den Börsengang sei. In der Opposition, die Hansens Berufung ohnehin als anrüchig kritisiert hatte, erntete der ehemalige Transnet-Chef Hohn. "Wenn jemand so anfängt, ist er eigentlich schon ein Vorstandsmitglied auf Abruf", sagte der FDP-Bahn-Experte Horst Friedrich Reuters.

Hansen hatte der "Bild"-Zeitung gesagt, die weitere Rationalisierung der Bahn werde in einigen Bereichen nicht ohne Personalabbau möglich sein. Er wolle ohne Kündigungen auskommen, die Eisenbahner müssten sich aber mehr anstrengen. Das Vorbild seien regionale Bahnen. "Da ist dann zum Beispiel ein Lokführer nicht nur dafür verantwortlich, den Zug zu steuern, sondern kann in den Zugabteilen auch mal aufräumen", sagte Hansen.

Mehdorn widersprach umgehend: Es gebe weder Pläne zum Personalabbau noch Beschlüsse dazu. Im Zuge der Teilprivatisierung des Konzerns werde es vielmehr bis 2023 keine betriebsbedingten Kündigungen geben. Vize-Regierungssprecher Thomas Steg sagte, die "leicht unterschiedlichen Aussagen" aus dem Vorstand müsse der Konzern nun intern klären. Er verwies zugleich auf den konzerninternen Arbeitsmarkt, der nicht mehr benötigte Eisenbahner in anderen Firmensparten auffängt.

HANSEN VERDIRBT ES SICH MIT GEWERKSCHAFTEN

Hansen verdarb es sich in seinem ersten Interview in der neuen Position nicht nur mit seinem künftigen Chef, sondern auch mit Gewerkschaften, Opposition und der SPD-Linken. Hansen könne nicht mehr auf die Unterstützung der SPD zählen, erklärte der SPD-Linke Hermann Scheer. "Er hat seinen Vertrauenskredit vollständig verspielt und sich schon jetzt als nicht geeignet erwiesen, seinen Posten zu übernehmen." Die Linkspartei forderte Hansen auf, aus der Transnet auszutreten. Auch die Gewerkschaften GDBA und GDL kritisierten Hansen. Die der Transnet nahestehende GDBA kündigte erbitterten Widerstand an, falls es zum Personalabbau kommt. "Dann droht Krach, aber richtig", sagte GDBA-Chef Klaus-Dieter Hommel.

"Da wird die Bahn noch viel Spaß haben", prognostizierte der FDP-Experte Friedrich. Wie viele andere rätselte er über Hansens Motive. Er habe sich entweder auf dem neuen Posten beweisen oder den Bruch mit dem Gewerkschaftslager herbeiführen wollen, sagte Friedrich. Beides sollte jedoch der SPD zu denken geben, die ihn unbedingt auf dem Posten haben wollte. "Man kann viel über Hartmut Mehdorn sagen, aber er hat gelernt, womit er die Politik richtig verärgern kann. Herr Hansen muss diese Lehre vielleicht noch ziehen", sagte Friedrich.

Das Bündnis "Bahn für alle" warnte vor einer Verschiebung überzähliger Eisenbahner von der künftigen Bahn-Börsentochter in die nicht privatisierten Bereiche. So sollten die Gewinne privatisiert und die Kosten sozialisiert werden, erklärte das Bündnis, in dem sich Umweltschützer, Globalisierungskritiker und Gewerkschafter zusammengeschlossen haben.

Die Initiative "Bahn von unten" forderte den Rücktritt des gesamten Transnet-Vorstandes und die Einberufung eines außerordentlichen Gewerkschaftstages. Hansen hatte vergangene Woche seinen Wechsel zur Bahn bekanntgegeben. Sein Schritt war weithin als Belohnung für die loyale Unterstützung des Privatisierungskurses von Mehdorn kritisiert worden.