Tödlicher Anschlag löst Debatte über Nato-Strategie aus
Berlin (Reuters) - Nach dem tödlichen Anschlag auf die Bundeswehr bei Kundus ist in Deutschland eine neue Debatte über die Strategie der Nato in Afghanistan entbrannt.
Die Vorsitzende des Verteidigungsausschusses, die SPD-Politikerin Ulrike Merten, forderte Konsequenzen aus der Verschärfung der Sicherheitslage im ganzen Land. "Ich glaube, das Wichtige ist, dass die Nato für das ganze Land eine zusammenhängende Strategie entwickelt", sagte sie dem rbb-Inforadio am Donnerstag. Der Bundeswehrverband erklärte, Soldaten allein reichten nicht aus, der zivile Aufbau müsse viel stärker in Gang kommen. Außerdem zielten die Anschläge auch darauf ab, die Debatte in Deutschland kurz vor der Mandatsverlängerung im Oktober zu beeinflussen.
Ein 29-jähriger Patrouillenführer der Bundeswehr war am Mittwoch in der Nähe von Kundus getötet worden, als er mit einem gepanzerten Geländewagen in eine Sprengfalle fuhr. Drei seiner Kameraden wurden verletzt. Damit sind inzwischen zwölf deutsche Soldaten bei Angriffen am Hindukusch ums Leben gekommen.
Die Sicherheitslage in Afghanistan hatte sich zuletzt kontinuierlich verschlechtert, auch im sonst ruhigeren Norden. Dort wurden seit Jahresbeginn 25 Anschläge auf die Bundeswehr verübt, der Löwenanteil davon mit 17 in der Region Kundus. Allein im August verzeichneten die deutschen Truppen neun Attentate, mehr als doppelt so viele wie in den Vormonaten. Insgesamt stieg die Zahl der Attacken Bundeswehrangaben zufolge allerdings nicht signifikant gegenüber dem Vorjahr.
Der Bundeswehrverband kritisierte, es habe in der Vergangenheit zu viel Schönfärberei beim Einsatz am Hindukusch gegeben. "Man hätte die Dinge mehr beim Namen nennen müssen. Dann wäre das vielleicht auch in der Gesellschaft der Bundesrepublik Deutschland anders angekommen", sagte der stellvertretende Verbandschef Ulrich Kirsch dem Sender N24. Allein mit Soldaten würden sich die Probleme am Hindukusch auf Dauer nicht lösen lassen. "Es ist längst überfällig, dass der zivile Aufbau stattfindet", forderte Kirch.
Auch der Wehrbeauftragte Reinhold Robbe forderte ein Gesamtkonzept für das Land. Die Probleme in Afghanistan ließen sich nur lösen, wenn die Menschen dort eine Perspektive bekämen, sagte er N24. Zugleich warb der SPD-Politiker für eine bessere Bezahlung der Soldaten, um eine Abwanderung von der Bundeswehr zu verhindern. Hauptgrund für Nachwuchssorgen bei der Armee seien nicht die gefährlichen Auslandseinsätze, sondern die finanziellen Rahmenbedingungen, sagte Robbe dem Saarländischen Rundfunk: "Es geht darum, dass jeder Soldat am Monatsende auch in sein Portemonnaie guckt und dann feststellt, dass seine zivilen Kumpels und Freunde wesentlich mehr bekommen für die gleiche Tätigkeit".
Das Verteidigungsministerium wies unterdessen Berichte zurück, wonach die Bewerbungszahlen bei der Bundeswehr um bis zu 62 Prozent im Vergleich zum Vorjahr eingebrochen sind. Im ersten Halbjahr hätten sich zwar 16 Prozent weniger Bewerber als Offiziersanwärter und elf Prozent weniger für Unteroffiziers- und Mannschaftsdienstgrade gemeldet, sagte ein Sprecher. Dies liege jedoch in der normalen Schwankungsbreite, zumal die Bewerberzahlen im Vergleichshalbjahr 2007 sehr gut gewesen seien. Derzeit kämen immer noch fünf bis sechs Bewerber auf eine Offiziersstelle, bei Unteroffizieren und Mannschaften sei das Verhältnis ähnlich.
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