Kirchen und Verbände warnen vor Folgen der Finanzkrise
Berlin (Reuters) - Führende Vertreter von Kirchen, Sozialverbänden und Politik haben vor einem Auseinanderfallen der Gesellschaft durch die Finanzkrise und die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich gewarnt.
Der Münchner Erzbischof Reinhard Marx sprach von einer bedrohlichen Krise. Nötig sei eine Ordnungspolitik für die Weltwirtschaft, die einen ausufernden Kapitalismus im Zaum halte, sagte er der "Bild am Sonntag". Auch angesichts der immer größeren Unterschiede zwischen Arm und Reich sei die Lage angespannt. Bundestagspräsident Norbert Lammert sagte, es gehe längst um mehr als eine vorübergehende Schlechtwetterfront. Es gehe um ein gravierendes gesellschaftliches Problem, um die Akzeptanz der sozialen Marktwirtschaft.
Marx forderte, Manager, Politiker und führende Kirchenvertreter müssten Vorbilder sein. So dürften Manager nicht nur auf die Börsennotierungen und ihre eigenen Erfolgsbeteiligungen schielen. Der Vorsitzende der Kommission für gesellschaftliche und soziale Fragen der Deutschen Bischofskonferenz verlangte auch eine bessere Bezahlung in den unteren Lohngruppen. "Wir müssen Löhne haben, von denen die Menschen anständig leben können." Aus Gerechtigkeitsgründen müsse ein Erwerbstätiger zwar mehr erhalten als ein Arbeitsloser. Allerdings müsse der Staat einem Empfänger von Arbeitslosengeld II aber auch so viel geben, dass er seine Kinder anständig ernähren könne, forderte Marx.
Der Aufschwung habe nicht nur Arbeitsplätze gebracht. In der Mittelschicht nehme die Angst vor Abstieg zu. Viele Jugendliche ohne Ausbildung gerieten fast automatisch in prekäre Lebenslagen. "Die Situation ist durchaus angespannt", resümierte der Erzbischof.
Auch der Präsident des Deutschen Caritasverbandes sprach von einer zunehmenden tiefen Verunsicherung in der Gesellschaft. Jeder Zehnte in Deutschland könne nicht mehr aus eigener Kraft seinen Lebensunterhalt verdienen, sagte Peter Neher dem "Tagesspiegel am Sonntag". "Oft hängt damit ein Verlust des Selbstwertgefühls und ein Gefühl der Ohnmacht zusammen."
Daran erinnerte auch der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche, Bischof Wolfgang Huber, in seiner Osterbotschaft. Viele Menschen könnten mit Minilöhnen weder sich selbst noch ihre Familien ernähren, und zahlreiche Hartz-IV-Empfänger hätten das Gefühl, ihr Leben sei nichts mehr wert, beklagte er.
Lammert sagte, immer mehr Menschen gingen zu Wirtschaft und Politik auf Distanz. "Die große Gefahr dabei ist, dass nicht nur einzelne Wirtschaftsführer oder Politiker ihre Glaubwürdigkeit verspielen, sondern das ganze System letztlich keine Akzeptanz mehr findet", sagte der CDU-Politiker der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung".
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