Experten erwarten längste US-Rezession seit Großer Depression

Dienstag, 2. Dezember 2008, 17:18 Uhr
 

Berlin (Reuters) - Die USA stecken nach Einschätzung von Experten in der schärfsten Wirtschaftskrise seit der Großen Depression Anfang der 30er Jahre.

"Die laufende Rezession wird ungewöhnlich lang ausfallen", sagte Commerzbank-Analyst Bernd Weidensteiner am Dienstag. Grund sei, dass die Geldpolitik durch die Probleme im Bankensystem behindert sei und die Zinssenkungen deswegen das Wachstum nicht so stark ankurbelten wie sonst üblich. Volkswirte erwarten eine Belebung frühestens Mitte 2009 - vorausgesetzt die Finanzkrise ist bis dahin überwunden.

Die USA befinden sich nach Angaben des National Bureau of Economic Research (NBER) bereits seit Dezember 2007 in einer Rezession. Deutschland und die Euro-Zone sind mit einiger Verspätung im Sommer gefolgt. "Die Rezession bei uns ist einem schlagartigen Nachlassen der Auslandskonjunktur geschuldet", sagte Klaus-Jürgen Gern vom Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW). Aus eigener Kraft sei deswegen ein Ausweg aus der Krise für eine Exportnation wie Deutschland schwierig. Solange die US-Wirtschaft schwächle, sei nicht mit einer Besserung zu rechnen.

Eine Kehrtwende dürfte noch einige Monate auf sich warten lassen. Denn die Abwärtsbewegung in den USA sei in vollem Schwung, sagte Gern. Die Kreditzinsen seien weiterhin hoch, obwohl die US-Notenbank Fed ihren Leitzins bis auf ein Prozent gesenkt hat. Dazu komme die Rezession auf dem Immobilienmarkt und der massive Stellenabbau. "Es kommt gerade erst an bei den Verbrauchern." Der private Konsum leide zusätzlich unter dem Abbau der hohen Verschuldung, sagte DekaBank-Chefvolkswirt Ulrich Kater. "Wir erwarten die schärfste Konsumrezession aller Zeiten, gefolgt von einer der schwächsten Erholungen der vergangenen 50 Jahre."

Stützen der Konjunktur bleiben Kater zufolge der staatliche Konsum und gegebenenfalls neue Konjunkturpakete. Um den Abschwung abzumildern, hat die US-Regierung im Frühjahr und Sommer Steuerschecks im Volumen von knapp 170 Milliarden Dollar an die Verbraucher verschickt. Nun wollen die Demokraten im US-Repräsentantenhaus im Januar ein weiteres Konjunkturpaket über etwa 500 Milliarden Dollar auf den Weg bringen. Es soll neben einer Steuersenkung für die Mittelschicht Investitionen in Infrastruktur und Erneuerbare Energien enthalten. "Durch dieses Programm gewinnen die USA Zeit", sagte Weidensteiner. Dabei bestehe jedoch die Gefahr, dass es ein Strohfeuer sei und die erhoffte Konjunkturwende ausbleibe. "Das letzte Konjunkturpaket ist verpufft, die Leute haben das Geld gespart."

Sobald die Banken wieder Vertrauen fassten und sich die Lage am Finanzmarkt stabilisiere, könne auch die Wirtschaft wieder dauerhaft anziehen, sagte Weidensteiner. "Diesen Prozess kann man nur in gewissem Maße abkürzen." Derzeit schon hält die Rezession zwölf Monate an - wenn das Wachstum erst in der zweiten Jahreshälfte 2009 wieder anzieht, könnten es leicht 18 Monate werden. Zuletzt war die Flaute in der Weltwirtschaftskrise von 1929 bis 1933 mit 43 Monaten länger.