EZB setzt Rundumversorgung der Banken bis 2011 fort

Donnerstag, 2. September 2010, 17:00 Uhr
 

Frankfurt (Reuters) - Die Europäische Zentralbank (EZB) geht trotz anziehender Konjunktur in Teilen der Euro-Zone bei der Geldversorgung auf Nummer sicher und lässt die Banken weiter am Liquiditätstropf.

EZB-Präsident Jean-Claude Trichet sagte am Donnerstag nach einer Sitzung des EZB-Rats in Frankfurt, die Geldinstitute würden "so lange wie nötig" und auf jeden Fall bis Mitte Januar bei allen Refinanzierungsgeschäften so viel Geld bekommen, wie sie bei der Notenbank abrufen. Die EZB will dem Finanzsystem so einen problemlosen Jahresultimo ermöglichen. Ende Dezember kommt es öfter zu Geldknappheit im Finanzsystem, weil einzelne Geldhäuser größere Summen horten. Dies will die EZB verhindern und sicherstellen, dass sich die Banken auch weiter gegenseitig Geld leihen und in immer geringerem Umfang von der EZB abhängen.

Diese Abhängigkeit war im Frühjahr im Zuge der Schuldenkrise in Griechenland und anderen südeuropäischen Ländern wieder gestiegen und hatte die EZB gezwungen, ihren längst geplanten Einstieg in den Ausstieg aus der Politik des billigen Geldes wieder zurückzunehmen. Inzwischen hat sich die Lage aus Sicht der Notenbanker aber offenbar trotz andauernder Probleme bei den Banken einiger Länder wieder soweit entspannt, dass die EZB ab Januar einen neuen Anlauf wagen könnte. "Der Geldmarkt ist auf dem Weg zur Normalisierung", sagte Trichet.

TRICHET HÄLT SICH ALLE OPTIONEN OFFEN

Damit dies so bleibt, können sich die Geldhäuser also weiter für eine Woche, einen Monat und für drei Monate so viel Geld bei der EZB leihen, wie sie wollen. Das Dreimonatsgeschäft koppelte Trichet an den künftigen Leitzins, um 2011 nötigenfalls flexibel an der Zinsschraube drehen zu können. Der Leitzins - seit Mai vergangenen Jahres bei einem Prozent - ist der Preis, den die Kreditinstitute für Zentralbankgeld zahlen müssen. Ihn tasteten die Währungshüter wie erwartet am Donnerstag nicht an. Trichet betonte, dass die EZB kein Signal in Richtung einer Leitzins-Änderung geben wolle. Experten rechnen damit, dass die EZB noch bis weit ins kommende Jahr hinein keine Zinserhöhung ins Auge fasst.

Auch Trichet selbst betonte, dass es keine Hinweise auf steigende Inflation in der nächsten Zeit gebe, die ein Handeln der Zentralbank nötig machen würde. Die Wirtschaft dürfte dagegen nach Einschätzung der EZB in den kommenden Monaten ihren Erholungskurs fortsetzen - "wobei aber hohe Unsicherheit vorherrscht". Die Volkswirte der EZB erhöhten dennoch ihre vierteljährlich aktualisierten Prognosen. Sie erwarten nun, dass das Bruttoinlandsprodukt der Euro-Zone in diesem Jahr um 1,6 Prozent zulegen wird. Zuletzt war die EZB von plus ein Prozent ausgegangen. Allerdings lief das zweite Quartal vor allem in Deutschland - der mit Abstand größten Volkswirtschaft unter den Euro-Ländern - deutlich besser als erwartet.

EZB-RAT FOLGT VORSTOSS DES BUNDESBANK-CHEFS

Analysten zeigten sich kaum überrascht von den neuen Maßnahmen der Zentralbank. Bundesbank-Präsident Axel Weber hatte kürzlich einen entsprechenden Vorstoß unternommen, dem sich der EZB-Rat anschloss. "Angesichts der Unruhe, die wir in einigen europäischen Staaten bezüglich der Probleme im Bankensystem noch haben, ist es eine Mindestzusage an Liquidität", sagte etwa Chefvolkswirt Stefan Schilbe von HSBC Trinkaus. "Ich kann mir vorstellen, dass wir auch über Januar hinaus eine Vollzuteilung haben werden, das hängt aber von den Märkten ab." Ulrich Kater, Chefökonom der Dekabank glaubt sogar, "dass dieser Ausstieg im kommenden Jahr nur sehr langsam vorgenommen werden kann. Es dauert sehr sehr viel länger, als noch vor einem halben Jahr erwartet worden war." Deshalb sei auch 2011 nicht mit einem Zinsschritt der EZB zu rechnen.