China vergibt mehr Kredite an arme Länder als Weltbank

Dienstag, 18. Januar 2011, 13:42 Uhr
 

Peking/Berlin (Reuters) - China wird zu einem immer größeren Konkurrenten für westliche Entwicklungsorganisationen:

Die Volksrepublik vergab in den vergangenen zwei Jahren mehr Kredite an Schwellen- und Entwicklungsländer als die Weltbank. Dies berichtete die "Financial Times" am Dienstag unter Berufung auf eigene Statistiken auf Basis öffentlicher Mitteilungen der Regierung in Peking sowie von Staatsbanken und Schuldnerländern. Demnach verlieh China 2009 und 2010 mindestens 110 Milliarden Dollar an Regierungen und Unternehmen aus der Dritten Welt. Die Weltbank habe in diesem Zeitraum Kredite über 100,3 Milliarden Dollar an Entwicklungsländer vergeben. Damit baut die Volksrepublik ihren weltweiten Einfluss kontinuierlich aus.

Während die Weltbank ihre Kredite meist an die Bedingung politischer Reformen zugunsten von Wettbewerb, Transparenz und Menschenrechten knüpft, verbinden chinesische Gläubiger wie die China Development Bank, die Export-Import Bank of China oder die Bank of China ihre Geldvergabe eher mit wirtschaftlichen Interessen. Dazu zählt vor allem ein besserer Zugang zu Rohstoffen. So vergab China beispielsweise größere Kredite an Russland, Venezuela und Brasilien und sicherte sich im Gegenzug umfangreiche Öllieferungen. Da Entwicklungsländer die chinesischen Bedingungen offensichtlich als weniger problematisch betrachten, entscheiden sich immer mehr Regierungen gegen die Hilfe der Weltbank und für das Geld aus China. Damit hebelt die Regierung in Peking den entwicklungspolitischen Ansatz der Weltbank-Programme aus.

"Das ist natürlich eine Herausforderung für die westliche Entwicklungszusammenarbeit", sagt die China-Expertin Doris Fischer vom Deutschen Institut für Entwicklungspolitik, das auch die Bundesregierung berät. Es laufe nun auf eine Nagelprobe hinaus. Der Westen solle sich davor hüten, das Problem schwarz-weiß zu malen und die Chinesen als böse Jungen in die Ecke zu stellen. "Auch die Europäer haben schließlich lange Zeit rein wirtschaftliche Interessen etwa in Afrika verfolgt."

Chinas Erstarken biete vielmehr die Gelegenheit, eigene Strategien zu überdenken und aus Fehlern zu lernen, sagte Fischer. Zwar dürfe an dem Ziel nicht gerüttelt werden, gute Regierungsführung und Menschenrechte zu fördern. Im Gegensatz zu westlichen Organisationen hätten die Chinesen zuletzt aber auch verstärkt in Infrastrukturprojekte in Afrika investiert, was die Weltbank vielleicht vernachlässigt habe, gab sie zu Bedenken.

Um eine Konkurrenz zu vermeiden, will die Weltbank nun verstärkt nach Wegen suchen, um mit China gemeinsam Kredite zu vergeben, wie ein Sprecher der "Financial Times" sagte. Die China Development Bank und die Export-Import Bank of China lehnten eine Stellungnahme zu dem Zeitungsbericht ab.

China selbst lockt so viel Kapital aus dem Ausland an wie noch nie: Nach Angaben des Handelsministeriums in Peking stiegen die ausländischen Direktinvestitionen 2010 um mehr als 17 Prozent auf 105,7 Milliarden Dollar (rund 80 Milliarden Euro). Das ist etwa dreimal so viel wie nach Deutschland flossen. Die Volksrepublik investiert aber auch selbst verstärkt im Ausland: Ihre Ausgaben zogen um 36,3 Prozent auf 59 Milliarden Dollar an. Unter ausländischen Direktinvestitionen werden beispielsweise Unternehmenskäufe und -beteiligungen in der Realwirtschaft verstanden.