EZB sieht enorme Risiken für Finanzsystem der Euro-Zone

Montag, 19. Dezember 2011, 17:01 Uhr
 

Frankfurt (Reuters) - Die Stabilität des Finanzsystems der europäischen Währungsunion ist nach Ansicht der EZB in Gefahr.

Die Wahrscheinlichkeit eines Zusammenbruchs von Großbanken sei zuletzt gestiegen, heißt es in dem am Montag in Frankfurt veröffentlichten halbjährlichen Finanzstabilitätsreport der Europäischen Zentralbank (EZB). "Die Risiken für die Finanzstabilität der Euro-Zone haben in der zweiten Jahreshälfte 2011 beträchtlich zugenommen." Ursache hierfür sei das Zusammentreffen der Staatsschuldenkrise mit zunehmenden Problemen bei vielen Banken und sich zugleich verschlechternden Konjunkturperspektiven - bis hin zu einer nicht auszuschließenden erneuten weltweiten Rezession.

Hinzu kämen zunehmende Ansteckungszeichen bei großen Ländern der Gemeinschaft und ein Risiko für einen Bankenzusammenbruch größeren Ausmaßes wie schon lange nicht mehr. "Unter dem Strich hat sich die Übertragung von Anspannungen zwischen Länder, quer durch den Bankensektor und zwischen diesen Bereichen so stark intensiviert, dass die Krise systemische Ausmaße erreicht hat, wie sie seit dem Zusammenbruch von Lehman Brothers nicht mehr beobachtet wurden." Die Wahrscheinlichkeit, dass zwei oder mehr große Bankenkonzerne pleitegingen, sei im vergangenen halben Jahr deshalb massiv gestiegen.

Große Sorgen macht der EZB die Refinanzierungslage vieler Institute. "Und die Situation könnte noch schwieriger werden", warnen die Währungshüter. Denn die Schwankungen an den Märkten und der Rückzug vieler US-Geldmarktfonds aus Europa mit Folgen für die Dollar-Versorgung seien weiter als Probleme vorhanden. Der EZB-Rat hatte zur Linderung der Schwierigkeiten der Banken zuletzt eine massive Ausweitung seiner Liquiditätshilfen für die Geldhäuser beschlossen. Das erste von zwei, jeweils drei Jahre lang laufenden Refinanzierungsgeschäften soll am Mittwoch über die Bühne gehen. Zudem kappte die EZB die Mindestreservepflicht um die Hälfte auf ein Prozent der Einlagen - ein Schritt, durch den dem Finanzsystem von jetzt auf gleich gut 100 Milliarden Euro zusätzlich zur Verfügung stehen. Die wichtigsten globalen Zentralbanken pumpen zudem weltweit Dollars in das System.

EZB-Vizepräsident Vitor Constancio sagte bei der Vorstellung des Berichts, die EZB stelle den Banken die Liquidität zur Verfügung, damit diese das Geld an die Realwirtschaft weiter leiteten und "keine Entschuldigung" hätten, für zu wenig Kredit. Allerdings bleibe die Lage am Kreditmarkt angespannt, gab er zu: "Wir sehen mehr Anzeichen für eine Kreditklemme als für einen Boom."

Kritik übten die Notenbanker an der Politik, die durch ihre langsame und zögerliche Antwort auf die Krise die Probleme noch verschlimmert habe: "Ein holpriger Ratifizierungsprozess scheint zu der zusätzlichen Unsicherheit der Finanzmärkte beigetragen zu haben." Gemeint sein dürfte vor allem die Umsetzung früherer Gipfelbeschlüsse. Bei ihrem letzten Treffen Anfang des Monats hatten die Staats- und Regierungschefs der EU-Länder unter anderem eine Aufstockung der Mittel des Internationalen Währungsfonds (IWF) um 200 Milliarden Euro beschlossen. Zudem soll der dann dauerhafte Euro-Krisenmechanismus ESM um ein Jahr auf Mitte 2012 vorgezogen werden.

Zugleich waren international Rufe nach einem stärkeren Engagement der EZB in der Krise - in Form unbegrenzter Staatsanleihenkäufe - immer lauter geworden. Diese weigert sich bislang unterstützt von Deutschland beharrlich mehr Bonds zu kaufen, obgleich sie weiß, dass mit Italien und Spanien nun nicht mehr nur vergleichsweise kleine Volkswirtschaften wie Griechenland, Irland und Portugal in den Fokus der Märkte geraten sind, sondern die dritt- und viertgrößte Volkswirtschaft der Euro-Zone.

Dies hatte zahlreiche Investoren aus Furcht vor einem Ende des Euro dazu veranlasst, sich von europäischen Staatsanleihen zu trennen. In der Folge waren die Renditen dann jedoch noch weiter gestiegen und hatten die Refinanzierung der Länder weiter erschwert. "Die Wahrscheinlichkeit, dass immer mehr Euro-Länder Schwierigkeiten haben könnten ihre Schulden zu refinanzieren, bleibt eines der größten Risiken für die Finanzstabilität", mahnt denn auch die EZB und nennt zugleich die ihrer Ansicht nach naheliegendste Lösung: "Die rasche und vollständige Umsetzung der (politisch beschlossenen) Maßnahmen, würde das Risiko deutlich entschärfen."

Ein baldiges Auseinanderbrechen der Euro-Zone halten die Zentralbanker nach den Worten Constancios aber trotz aller Risiken für unwahrscheinlich: "Wir sehen das nicht als Risiko an, über das wir nachdenken sollten. Das ist undenkbar", sagte der Portugiese. Sollte jedoch ein Land die Union verlassen, dann wäre das nach seiner Ansicht ein gravierender Vorgang mit unabsehbaren und schweren Folgen: "Die Dynamik eines solchen enormen Events läßt sich nicht wirklich vorhersagen und wäre sehr gefährlich."