Gefahr einer Kreditklemme wächst

Freitag, 27. Januar 2012, 13:18 Uhr
 

Frankfurt (Reuters) - Die Gefahr einer Kreditklemme in der Euro-Zone nimmt zu.

Wie aus Daten der Europäischen Zentralbank (EZB) hervorgeht, fiel die Kreditvergabe der Banken an Unternehmen im Dezember gegenüber dem Vormonat um insgesamt 37 Milliarden Euro. Das ist der größte Rückgang binnen vier Wochen. Auch Haushalte bekamen weniger Geld von den Instituten - hier sank die Kreditsumme um zehn Milliarden Euro. Im von der Schuldenkrise stark betroffenen Portugal waren die Geldhäuser besonders knauserig: Sie reichten im Dezember für fast fünf Milliarden Euro weniger Kredite aus als noch einen Monat zuvor.

Einige Volkswirte werteten die am Freitag veröffentlichen Zahlen als Hinweis auf eine bevorstehende Kreditklemme und forderten von der EZB zur Vorbeugung eine weitere Lockerung ihrer Geldpolitik. "Der starke Rückgang der Kreditvergabe ist ein erstes Zeichen dafür, dass es zu einer breiteren Kreditklemme kommen könnte", sagte James Nixon von der französischen Großbank Societe Generale. Der Chefökonom der Hamburger Berenberg Bank, Holger Schmieding, rechnet wegen der Kreditverknappung mit Bremsspuren in der Konjunktur und sagt eine Reaktion der Zentralbank voraus. "Die Zahlen alleine sind schon ein Grund für weitere geldpolitische Lockerungen. Die EZB wird wahrscheinlich im März abermals ihre Leitzinsen senken und sie werden zusätzlich auch ihre Wachstumsprognose reduzieren müssen."

Der Leitzins steht seit Dezember wieder bei einem Prozent. EZB-Direktoriumsmitglied Jose Manuel Gonzalez Paramo sagte am Freitag im spanischen Fernsehen, die EZB habe niemals erklärt, dass das so bleiben müsse: "Die Zinsen werden so hoch oder so niedrig sein in Europa, wie es nötig ist um Preisstabilität zu gewährleisten. Wir haben uns niemals auf eine Untergrenze festgelegt." Der EZB-Rat entscheidet das nächste Mal am 9. Februar über seinen geldpolitischen Kurs. Die Kreditdaten sind dabei eine wichtige, wenn auch natürlich beileibe nicht die einzige Entscheidungsgrundlage.

Nicht wenige Fachleute halten die Angst vor einer baldigen Kreditklemme nämlich für überzogen. "Es ist zu früh das eine Kreditklemme zu nennen. Die Zahlen reflektieren ein schwaches viertes Quartal", kommentierte etwa Carsten Brzeski von der niederländischen ING-Bank. Ob der Rückgang der Kreditvergabe dabei auf restriktivere Bedingungen seitens der Banken oder aber auf eine geringere Nachfrage nach Krediten zurückzuführen ist, sei unklar, sagte Commerzbank-Analyst Michael Schubert. Darüber könnte der vierteljährliche Kreditbericht der EZB Aufschluss geben, der kommenden Mittwoch veröffentlicht werden soll. In Deutschland sei von einer Kreditklemme nichts zu spüren.

Jens Sondergaard von der japanischen Nomura-Bank verwies darauf, dass sich in den Daten das vor Weihnachten aufgelegte drei Jahre laufende Repo-Geschäfts der EZB mit den Banken nicht finde. Damals hatten sich die Institute fast eine halbe Billion Euro bei der Notenbank besorgt. Diese hofft, dass ein Großteil des Geldes über Kredite in der Wirtschaft ankommt und sich so eine Kreditklemme verhindern lässt. Die Geldschwemme der EZB, der eine weitere Ende Februar folgen wird, lässt sich erst ab kommendem Monat in der Statistik ablesen.

Im Jahresvergleich stiegen die Bankenkredite an Firmen und Privathaushalte der Euro-Zone im Dezember noch leicht. Die Summe erhöhte sich im Vergleich zum Vorjahresmonat allerdings nur noch um ein Prozent. Im November hatte es noch ein Plus von 1,7 Prozent gegeben. Analysten hatten mit einer Zunahme um 1,9 Prozent gerechnet. Das Wachstum der für die Zinspolitik der EZB wichtigen Geldmenge M3 lag im Schlussmonat 2011 lediglich bei 1,6 (November: 2,0) Prozent. M3 umfasst unter anderem Bargeld, Einlagen auf Girokonten, kurzfristige Geldmarktpapiere sowie Schuldverschreibungen mit bis zu zwei Jahren Laufzeit.