Studie - Rating-Agenturen haben Euro-Schuldenkrise verschärft

Freitag, 27. Juli 2012, 16:28 Uhr
 

Zürich (Reuters) - Nach der Finanzkrise 2008 haben Rating-Agenturen laut einer Studie der Universität St. Gallen (HSG) die Kriterien für die Schuldnerqualität von europäischen Staaten verschärft und damit eine Abwärtsspirale in Gang gesetzt.

"Viele europäische Länder wurden seit 2008 mit anderen Maßstäben beurteilt als früher und auch anders als andere Länder heute noch behandelt werden", sagte HSG-Professor Manfred Gärtner am Freitag im Gespräch mit der Nachrichtenagentur Reuters über seine diese Woche veröffentlichte Untersuchung. "Es ist schwer zu glauben, dass das ein Zufall ist".

Mit der Untersuchung wollten der Wirtschaftswissenschaftler und sein Mitautor Björn Griesbach der verbreiteten aber nach ihren Angaben bisher kaum überprüften These nachgehen, dass Rating-Agenturen mit ihren Krediturteilen einen Zustand schaffen, in dem sich Prophezeiungen selbst erfüllen. In der Untersuchung wurden Wirtschaftsdaten von 25 OECD-Ländern den Krediturteilen der amerikanischen Rating-Agentur Fitch gegenübergestellt.

Das Ausmaß der Herabstufungen von Ländern wie Spanien, Portugal oder Irland könne nicht mit einer entsprechenden Verschlechterungen der Wirtschaftslage und der Staatfinanzen begründet werden, folgerten die Wissenschaftler. Irland hätte nach den alten Standards um 1,5 Klassen zurückgestuft werden müssen, sagte Gärtner. "Stattdessen wurden sie um sieben Stufen zurückgenommen. Ein so großer Schritt hätte jedes Land in große Schwierigkeiten gebracht."

Gärtner und Griesbach gehen mit den Ratingagenturen scharf ins Gericht. Die Studie zeige, dass man die Ratingagenturen als zentrale Auslöser und Antreiber in der europäischen Schuldenkrise betrachten müsse. "Nicht nachvollziehbare Herabstufungen europäischer Länder sind eine zentrale Ursache und Triebfeder der europäischen Schuldenkrise", lautet eine der Schlussfolgerung.

Die Untersuchung musste sich auf die Daten der Ratingagentur Fitch beschränken. Von den beiden anderen großen amerikanischen Agenturen Moody's und Standard & Poor's seien die entsprechenden Angaben nicht verfügbar gewesen, sagte Gärtner. Er glaube, könne es aber nicht beweisen, dass die Ergebnisse der Studie nicht anders ausgefallen wären, wenn auch Moody's- und S&P-Bewertungen eingeflossen wären. Es gebe eine hohe Korrelation zwischen dem Vorgehen der drei Häuser.

"ALTER KRIEG ZWISCHEN MÄRKTEN UND STAATEN"

Das Verhalten der Rating-Agenturen ist nach Ansicht Gärtners auch im Zusammenhang mit einem "alten Krieg zwischen Märkten und Staaten" zu sehen. "Oder Finanzindustrie gegen Regierung". Immerhin hätten es die Rating-Agenturen geschafft, dass die Schuldenkrise nun als ein Problem der Staaten und nicht der Finanzindustrie gesehen werde. Regierungen müssten die Abläufe an den Kapitalmärkten im Allgemeinen und an den Märkten für Staatsanleihen im Besonderen genauer unter die Lupe nehmen. Motivationen, Abhängigkeiten und Interessenkonflikte wichtiger Marktteilnehmer müssten hinterfragt werden, hieß es in der Untersuchung weiter.

Im vergangenen Monat stufte Moody's das Rating von Spanien um drei Klassen auf Baa3 von A3 zurück. Die Zinsen für die spanischen Staatsschulden schossen in die Höhe. Anfang der Woche reduzierte die Agentur die Aussichten für Deutschland auf "negativ". Da reagierten die Märkte kaum. Das stimmt mit der St. Galler Studie überein: Für zwischen "AAA" und "A" liegende Länder steigen die Schuldzinsen nur wenig, wenn sie um eine Stufe zurückgestuft werden. Bei schwächer bewerteten Staaten könne jedoch schnell eine Negativspirale in Gang kommen. Steigende Zinslasten, sich damit verschlechternde Staatsfinanzen und rückläufiges Wachstum können dann neue Rückstufungen auslösen.

Auch "A"-Länder sollten sich nicht sicher fühlen, so die Studie: Bereits geringste negative Zins- oder Rating-Signale könnten sie in einen Strudel stoßen.