Statistikamt: Industrie gewinnt in Deutschland an Bedeutung

Freitag, 2. November 2012, 11:11 Uhr
 

Berlin (Reuters) - Die deutsche Industrie erlebt eine Renaissance: Ihr Anteil an der Bruttowertschöpfung ist so hoch wie seit Jahren nicht mehr.

Er stieg 2011 auf 26,2 Prozent, teilte das Statistische Bundesamt am Freitag mit. "Der Mittelwert für die Jahre 2000 bis 2010 von 25,1 Prozent wird damit deutlich übertroffen", sagte ein Statistiker. Einen höheren Industrieanteil gab es zuletzt 2007 mit 26,4 Prozent. 2010 lag er noch bei 25,3 Prozent, während er im Krisenjahr 2009 mit 23,3 auf den tiefsten Wert seit der Wiedervereinigung gefallen war.

Experten führen die wachsende Bedeutung der Industrie auf den Boom in großen Schwellenländern wie China zurück. "Dort sind genau die Investitionsgüter gefragt, die zu unseren Exportschlagern gehören: also Maschinen, Elektronik und Fahrzeuge", sagte DekaBank-Ökonom Andreas Scheuerle. Die Exporteure verkauften deshalb im vergangenen Jahr erstmals Waren im Wert von mehr als einer Billion Euro ins Ausland. Scheuerle rechnet damit, dass der Anteil der Industrie an der Wertschöpfung hoch bleibt oder sogar leicht zunimmt: "Das ist keine Eintagsfliege, sondern ein Trend".

"DAS DEUTSCHE MODELL WURDE LANGE BELÄCHELT"

Die wirtschaftliche Bedeutung des Produzierenden Gewerbes ist in Deutschland traditionell höher als in der Europäischen Union. Dort lag sein Anteil 2011 bei 19,5 Prozent. In den nach Deutschland größten Volkswirtschaften Frankreich (12,6 Prozent), Großbritannien (16,5 Prozent), Spanien (16,9 Prozent) und Italien (18,6 Prozent) ist er noch niedriger. In der EU war der Wertschöpfungsanteil des Produzierenden Gewerbes in Luxemburg mit 8,3 Prozent am niedrigsten und in der Tschechischen Republik mit 30,2 Prozent am höchsten. "Das deutsche Modell wurde lange Zeit belächelt", sagte DekaBank-Experte Scheuerle. "Inzwischen gilt es als Vorbild. Auch andere Länder streben eine Reindustrialisierung an." So will Großbritannien, das bislang vor allem auf den Finanzsektor baute, will seinen Industrieanteil steigern.

Dominierender Sektor in Deutschland sind unangefochten die Dienstleistungen. Sie machten im vergangenen Jahr 68,3 Prozent der gesamten Bruttowertschöpfung von rund 2,3 Billionen Euro aus. 2010 waren es noch 69,5 Prozent, im Krisenjahr 2009 sogar 71,5 Prozent. Der Anteil der Landwirtschaft betrug zuletzt nur noch 0,9 Prozent, der des Baugewerbes 4,6 Prozent.

OHNE STAATSEINFLUSS

Zum Produzierenden Gewerbe gehören Bergbau, Verarbeitendes Gewerbe, Energie- und Wasserversorgung und Entsorgungswirtschaft. Das Baugewerbe wird in dieser Berechnung nicht berücksichtigt. Als Bruttowertschöpfung wird die Summe aller produzierten Güter und Dienstleistungen zu Herstellungspreisen bezeichnet. Der Einfluss des Staates auf die Preise - vor allem durch Steuern - wird damit ausgeklammert.