Wirtschaftsweise sehen Talsohle der Konjunkturkrise erreicht

Mittwoch, 7. November 2012, 15:51 Uhr
 

Berlin (Reuters) - Trotz Eurokrise und globalem Abschwung hat Deutschland nach Ansicht der Wirtschaftsweisen schon bald die Talsohle hinter sich.

"Der Tiefpunkt der wirtschaftlichen Dynamik" sei voraussichtlich im vierten Quartal 2012 erreicht, sagte der Chef der Wirtschaftsweisen, Wolfgang Franz, am Mittwoch bei der Vorstellung des Jahresgutachtens der fünf Top-Ökonomen. Darin prognostizieren die Experten, dass die Wirtschaft nächstes Jahr mit 0,8 Prozent im selben Tempo wachsen wird wie 2012. Insbesondere die Kauflust der Konsumenten soll das Land auf Wachstumskurs halten. Die Wirtschaftsweisen mahnten Vater Staat zugleich zum verstärkten Sparen: Bund und Länder könnten nicht dauerhaft auf eine günstige Konjunktur bauen.

Es sei "deutlich mehr Ehrgeiz" bei der Konsolidierung notwendig: "In die falsche Richtung gehen strukturelle Mehrausgaben, wie etwa das Betreuungsgeld, die Zuschussrente oder die Abschaffung der Praxisgebühr", heißt es in dem 390 Seiten starken Bericht der Sachverständigen, die im Auftrag der Bundesregierung die Wirtschaftsentwicklung unter die Lupe nehmen. Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) erklärte, das Gutachten bestärke ihn in der Absicht, bereits 2014 zu einem strukturell ausgeglichenen Haushalt zu gelangen.

Der Arbeitsmarkt erlebt nach Einschätzung der Wirtschaftsweisen derzeit das beste Jahr seit der Wiedervereinigung. Die Erwerbstätigkeit werde aller Voraussicht nach einen neuen Höchststand von fast 41,6 Millionen Menschen erreichen. "Die Arbeitslosenquote dürfte mit 6,8 Prozent auf den niedrigsten Stand seit der Wiedervereinigung sinken", schrieben die Volkswirte. Für 2013 sagen die Wirtschaftsweisen einen leichten Anstieg der Arbeitslosenquote auf 6,9 Prozent voraus. In der Politik seien allerdings vermehrt Stimmen laut geworden, die den Arbeitsmarkt wieder stärker regulieren wollten, mahnten die Volkswirte. Dazu gehören unter anderem Forderungen nach weiteren gesetzlichen Mindestlöhnen: "Deutschland sollte die Früchte der seinerzeitigen Reformanstrengungen, die es nun erntet, nicht durch unkluge Revisionen aufs Spiel setzen."

DEUTSCHLAND MUSS INVESTITIONSSCHWÄCHE ABSCHÜTTELN

Der Wirtschaftsweise Christoph Schmidt setzt darauf, dass Deutschland nächstes Jahr die ausgeprägte Investitionsschwäche überwindet, die im Sog der Eurokrise entstanden ist. "Wir erwarten, dass die Investitionen eher etwas zulegen und den schrumpfenden Außenbeitrag wettmachen", so der Chef des Essener Forschungsinstituts RWI. Die Einfuhren werden 2013 nach der Vorhersage der Wirtschaftsforscher stärker zulegen als die Ausfuhren. Zugleich soll es bei den Ausrüstungsinvestitionen, die 2012 eingebrochen sind, wieder leicht nach oben gehen. Am Bau wird sogar ein Investitionsschub um 2,1 Prozent erwartet. Auch die Verbraucher sollen der Konjunktur auf die Sprünge helfen: Der private Konsum soll in diesem Jahr um 0,9 Prozent und 2013 um 0,8 Prozent anziehen.

Der Würzburger Professor Peter Bofinger warnte jedoch, dass die Prognose mit großer Unsicherheit behaftet sei - insbesondere auch wegen der schlecht ausgefallenen Industriedaten: "Die Wahrscheinlichkeit, dass es schlechter kommt, ist deutlich höher, als dass es besser kommt." Die Unternehmen zwischen Flensburg und Garmisch hatten ihre Produktion im September wegen der Auftragsflaute überraschend stark gedrosselt: Die Orders sanken um 3,3 Prozent - der stärkste Einbruch seit einem Jahr. Die Unternehmen stellten zugleich 1,8 Prozent weniger her als im Vormonat."

Auch Experten aus der Finanzwelt sehen Deutschland nun in eine Winterdelle hineinschlittern. Unicredit-Ökonom Andreas Rees geht davon aus, dass die Wirtschaft im dritten Quartal noch gewachsen ist: "Aber im vierten Quartal werden wir einen Rückschlag erleben. Die Vorboten dafür haben wir nun schon gesehen.