Mersch wird Direktor - EZB-Spitze bleibt Männerdomäne

Freitag, 23. November 2012, 17:59 Uhr
 

Brüssel (Reuters) - Nach langem Tauziehen rückt der Luxemburger Yves Mersch in das Direktorium der Europäischen Zentralbank (EZB) auf.

Gegen den Widerstand Spaniens entschieden die EU-Staats- und Regierungschefs am Donnerstagabend in Brüssel, den Geldpolitiker zu berufen. Das Europa-Parlament hatte die Politik vergeblich aufgefordert, eine Frau in das von Männern dominierte Führungsgremium aufzunehmen. Mersch beginnt seine achtjährige Amtszeit Mitte kommenden Monats und wird Nachfolger des Spaniers Jose Manuel Gonzalez-Paramo.

Der EU-Gipfel musste sich mit dem Thema beschäftigen, weil sich die Finanzminister nicht auf die Ernennung des Luxemburgers einigen konnten. Spanien hatte dagegen Einwände erhoben, weil es seinen Sitz im EZB-Direktorium nicht räumen wollte. Im EU-Rat reichte eine qualifizierte Mehrheit für die Ernennung.

Mersch sagte auf Reuters-Anfrage nach der Berufung, er sei sich der mit dem Amt verbundenen Verantwortung "in Zeiten der schweren Finanzkrise" bewusst. Der Streit um seine Nominierung habe sich nicht an seiner Kompetenz entzündet, sondern sei wohl Ausdruck der Sorge um Defizite bei der Gleichberechtigung der Geschlechter. "Ich bin zuversichtlich, dass es zu einem fruchtbaren Dialog mit dem Parlament kommen wird", erklärte Mersch.

Das EU-Parlament hatte Ende Oktober seine Zustimmung verweigert, da in der EZB-Spitze keine Frauen vertreten sind. Es muss aber nur konsultiert werden, konnte die Ernennung letztlich nicht stoppen.

MERSCH STÜTZT UMSTRITTENEN DRAGHI-KURS IN SCHULDENKRISE

Das sechsköpfige Direktorium entscheidet zwar nicht über die Geldpolitik, bereitet die Sitzungen des EZB-Rats aber vor und führt die Notenbank im Tagesgeschäft. Anders als sein EZB-Ratskollege Jens Weidmann stützt Mersch das von Zentralbankchef Mario Draghi avisierte Programm zum Ankauf von Staatsanleihen von Ländern, die unter den Euro-Rettungsschirm schlüpfen. Es sei "ein gewaltiges Bollwerk gegen zerstörerische Szenarien an den Finanzmärkten", sagte Mersch jüngst in Berlin. Weidmann sieht mit den geplanten Käufen hingegen die Grenze zur verbotenen Staatsfinanzierung verwischt.

Neben dem Italiener Draghi und Vizechef Vitor Constancio aus Portugal gehören dem Direktorium der Deutsche Jörg Asmussen und der Franzose Benoit Coeure an. Aus Belgien kommt EZB-Chefvolkswirt Peter Praet. Die Direktoriumsmitglieder werden für maximal acht Jahre bestellt. Letzte Frau in der Führungsspitze war die Österreicherin Gertrude Tumpel-Gugerell, die bis Mai 2011 amtierte.