Forscher - Arbeitskosten steigen stärker als im Euroraum

Montag, 26. November 2012, 15:39 Uhr
 

Berlin (Reuters) - Erstmals seit der Jahrtausendwende steigen die Arbeitskosten in Deutschland schneller als in der Euro-Zone.

Für 2012 und 2013 erwartet das gewerkschaftsnahe IMK-Institut ein Plus von rund 2,5 Prozent. Damit verteure sich die Arbeit hierzulande wohl erneut stärker als im Währungsraum, sagte IMK-Direktor Gustav Horn am Montag in Berlin. Im vorigen Jahr kletterten die Arbeitskosten mit drei Prozent stärker als im Vergleich der EU- und Euro-Länder (je 2,7 Prozent). Dies hatte es zuletzt im Jahr 2000 gegeben. Grund für die Entwicklung sind neben höheren Lohnabschlüssen in Deutschland sinkende Kosten in Krisenstaaten wie Griechenland, Irland und Portugal.

In Deutschland kostete 2011 eine Arbeitsstunde in der Privatwirtschaft im Schnitt 30,10 Euro. In der EU liegt Deutschland damit wie 2010 auf Rang sieben - hinter Belgien (39,30 Euro), Schweden, Dänemark, Frankreich, Luxemburg und den Niederlanden (31,10 Euro). Der Durchschnitt in der EU betrug 23,10 Euro, in der Euro-Zone 27,60 Euro. Das Schlusslicht bilden Bulgarien mit 3,50 Euro und Rumänien mit 4,50 Euro. Während die Kosten in der deutschen Industrie mit 34,30 Euro vergleichsweise hoch lägen, seien sie bei den Dienstleistern rund 20 Prozent niedriger und mit 27,50 Euro nur minimal über dem Durchschnitt der Euro-Zone. Im Service-Sektor gebe es viele Bereiche, in denen "Tariflöhne ein Fremdwort sind", kritisierte Horn.

Er monierte zudem, die jahrelange Lohnzurückhaltung habe Deutschland zwar Exportüberschüsse beschert, aber zugleich die Stabilität der Euro-Zone belastet. "Dies geschieht auf Pump, nämlich auf Schulden der anderen Länder", sagte Horn. "Dies geht eine ganze Zeit gut, aber nicht ewig."

IW: DEUTSCHLAND HAT WEGEN LOHNZURÜCKHALTUNG KRISE GEMEISTERT

Das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW) hielt dagegen: "Deutschland ist durch die Lohnzurückhaltung fit und mit höherer Wettbewerbsfähigkeit in die Krise gegangen und konnte sich dann Konjunkturpakete eher leisten und einen Anstieg der Lohnstückkosten verkraften", sagte IW-Experte Christoph Schröder. Zuletzt habe auch der Fachkräftemangel für steigende Arbeitskosten gesorgt. Schröder rechnet wegen der gedämpften Konjunkturaussichten im nächsten Jahr mit einem etwas geringeren Kostenzuwachs als zuletzt.

Zu den Arbeitskosten zählt das IMK neben dem Bruttolohn die Arbeitgeberanteile an den Sozialbeiträgen, Aufwendungen für Aus- und Weiterbildung sowie als Arbeitskosten geltende Steuern.

Die Euro-Krisenstaaten sind mit ihren Reformen seit Beginn der Schuldenkrise gut vorangekommen, wie aus einer anderen Studie hervorgeht. Die meisten Schuldenländer gingen ihre Defizitprobleme an und verbesserten ihre Wettbewerbsfähigkeit in einem beeindruckenden Tempo, heißt es in einem Bericht von der Denkfabrik Lisbon Council und der Berenberg Bank. So hätten Griechenland, Irland, Portugal und Spanien ihre Lohnstückkosten kräftig gesenkt.