Kanadier Carney soll Chef der Bank von England werden

Montag, 26. November 2012, 18:57 Uhr
 

London/Frankfurt (Reuters) - Paukenschlag am Finanzplatz London: Kanadas Zentralbankchef Mark Carney wird überraschend Nachfolger von Mervyn King an der Spitze der Bank von England.

Das erklärte Finanzminister George Osborne am Montag in der britischen Hauptstadt und beendete damit monatelange Spekulationen um die wichtige Personalie. King, der die Zentralbank seit 2003 leitete, geht kommendes Jahres in Ruhestand. Carney (47), dessen Politik nach Ansicht vieler Ökonomen maßgeblich dafür verantwortlich ist, dass Kanada die Finanzkrise nach 2007 besser überstand als andere Länder, übernimmt das Ruder in London zum 1. Juli. Osborne bezeichnete den 2008 in sein aktuelles Amt gekommenen Carney als "den herausragenden Notenbanker seiner Generation".

Der Ökonom und Vater von vier Kindern leitet seit dem Abgang Mario Draghis zur EZB parallel den Finanzstabilitätsrat FSB im schweizerischen Basel, der im Auftrag der G20-Staaten Regeln für die internationale Finanzwirtschaft erarbeiten soll. Gemäß den Regularien für die Besetzung des Postens kann auch ein nicht in Großbritannien geborener Wirtschaftsexperte Gouverneur der Zentralbank werden. Carney ist der erste Nicht-Brite, dem dies nun gelingt, nachdem er zuvor allenfalls als Geheimfavorit für die Nachfolge Kings gegolten hatte. Er wird der 120. Gouverneur der Bank von England. Die 1694 gegründete britische Zentralbank ist eine der ältesten Notenbanken der Welt.

ERSTMALS NICHT-BRITE AUF CHEFSESSEL DER NOTENBANK

Der Finanzfachmann Carney hat vor seiner Zeit bei der kanadischen Notenbank unter anderem mehr als ein Jahrzehnt für die US-Investmentbank Goldman Sachs und das Finanzministerium seines Landes gearbeitet - er kennt damit also sowohl die Bankenszene als auch den Politikbetrieb. Größere Chancen auf den Topposten bei der Bank von England als Carney waren zuletzt Kings Vize Paul Tucker eingeräumt worden, er war jedoch wegen seiner unklaren Rolle im Libor-Manipulationsskandal für die Regierung wohl ein nicht ganz lupenreiner Kandidat für die nächsten fünf Jahre - die Amtszeit des Zentralbankgouverneurs.

Tucker hätte wie nun Carney jedoch mit seiner Expertise in Sachen Bankenaufsicht und Finanzstabilität punkten können, da der Notenbank ab Januar die Verantwortung für die finanzielle Stabilität des global bedeutenden Finanzplatzes London übertragen wird. In der Londoner "City" sorgte die überraschende Nachricht von der Berufung Carneys denn auch nicht überall für positive Reaktionen. Malcom Barr von JP Morgan etwa geht davon aus, dass mit Carney jemand bei der Notenbank die Führung übernimmt, der durch seine Tätigkeit beim FSB in Sachen Bankenregulierung "eher orthodox" sein dürfte.

"GEHE DORTHIN, WO HERAUSFORDERUNGEN AM GRÖSSTEN SIND"

Carney erklärte in einer ersten Stellungnahme, er übernehme die Verantwortung an der Themse in einer für die britische Wirtschaft kritischen Zeit. Er hoffe, dass er auch in seiner neuen Position und als weiter amtierender Vorsitzender des FSB die "City of London", also den Bankenplatz London, reformieren könne. "Ich gehe dorthin, wo die Herausforderungen am größten sind." Er habe sich erst nach einer längeren Bedenkzeit dazu durchgerungen, das Angebot zu akzeptieren.

Carney hatte als erster Notenbankchef eines wichtigen Industrielandes bereits kurz nach dem Ende der Finanzkrise 2007/08 die Zinsen wieder erhöht. Zuvor hatte er mit zahlreichen unkonventionellen Maßnahmen, etwa Notfallkrediten und einer bis dahin ziemlich undenkbaren Klarheit in der Kommunikation, für eine Stabilisierung der kanadischen Wirtschaft in der Krise gesorgt - und das in unmittelbarer Nachbarschaft zum Ort des Ausbruchs der Krise 2007, den USA.   Fortsetzung...

 
Bank of Canada Governor Mark Carney laughs during a news conference in Ottawa November 26, 2012. Carney will take over the reins as Governor of the Bank of England next year, British finance minister George Osborne told parliament on Monday, announcing a surprise choice to replace outgoing Bank of England Governor Mervyn King. REUTERS/Chris Wattie (CANADA - Tags: BUSINESS POLITICS)