Geldmenge in Eurozone wächst vor EZB-Zinssitzung kräftig

Mittwoch, 28. November 2012, 13:44 Uhr
 

Berlin/Frankfurt (Reuters) - Vor der letzten Zinssitzung der EZB in diesem Jahr sehen sich die Währungshüter mit langfristig steigender Inflationsgefahr konfrontiert.

Das jährliche Wachstum der für die Zinspolitik der Europäischen Zentralbank wichtigen Geldmenge M3 schnellte im Oktober auf 3,9 Prozent in die Höhe und war damit so stark wie seit April 2009 nicht mehr. Alle 33 von der Nachrichtenagentur Reuters befragten Analysten wurden von dem starken Anstieg auf dem falschen Fuß erwischt. Die Summe der Bankkredite an Firmen und Privathaushalte schrumpfte den Angaben vom Mittwoch zufolge mit 0,7 Prozent jedoch nicht so stark wie erwartet. Experten rätseln, ob die EZB angesichts der Rezession in der Euro-Zone den historisch niedrigen Leitzins von derzeit 0,75 Prozent weiter kappen wird oder still hält.

"Unter dem Strich dürfte der überraschend deutliche Anstieg der Geldmenge die EZB noch nicht ins Schwitzen bringen", meint Ökonom Thilo Heidrich von der Postbank. Die Wachstumsrate von 3,9 Prozent sei bei längerfristiger Betrachtung vergleichsweise niedrig. Der starke Anstieg in einem Monat begründe zudem noch keinen Trend. Auch spreche die noch immer extrem schwache Kreditvergabe gegen akute Inflationsgefahren, so dass die EZB, die am Donnerstag kommender Woche zu ihrer nächsten Ratssitzung zusammenkommt, die Zinsen in nächster Zeit durchaus senken könne.

"DATEN DÜRFTEN BUNDESBANK BEUNRUHIGEN"

Christian Schulz von der Berenberg Bank hält dagegen: "Dieser Anstieg dürfte insbesondere die Bundesbank beunruhigen, deren Einfluss auf die Zinsentscheidungen noch immer sehr groß ist." Aus den EZB-Daten sei herauszulesen, dass in der derzeitigen Vertrauenskrise viel Geld kurzfristig auf Bankkonten deponiert werde. Sobald das Vertrauen zurückkehre, werde es womöglich bereits in der zweiten Jahreshälfte 2013 massiv in den Finanzkreislauf strömen. "In Deutschland, das wirtschaftlich wesentlich besser dasteht als die Südländer, könnte dies einen Investitions- und Kreditschub auslösen - mit den entsprechenden Effekten für die Inflationsentwicklung", sagte Schulz.

Genau dieser vorausschauende Blick ist der EZB in ihrer monetären Analyse wichtig, in der sie die Entwicklung der Geldmenge M3 genauer unter die Lupe nimmt. Die EZB stützt sich bei der Datenauswertung auf die Tatsache, dass Geldmengenwachstum und Inflation mittel- bis langfristig eng miteinander verbunden sind. M3 umfasst unter anderem Bargeld, Einlagen auf Girokonten, kurzfristige Geldmarktpapiere sowie Schuldverschreibungen mit bis zu zwei Jahren Laufzeit. Die Analyse versetzt die EZB somit in die Lage, die Inflation quasi perspektivisch zu betrachten. Dieses "Fernglas" dürften die Währungshüter bei ihrer Zinsentscheidung in der nächsten Woche im Instrumentenkasten haben. EZB-Vizepräsident Vitor Constancio hatte jüngst betont, die Geldpolitik der Zentralbank sei bereits "sehr konjunkturstimulierend" und hatte damit Hoffnungen auf eine Zinssenkung etwas gedämpft.

Für eine Zinssenkung könnte jedoch die schwache Darlehensvergabe der Banken an Firmen sprechen, die in einigen Südländern bereits den Charakter einer Kreditklemme angenommen hat. Die Darlehensvergabe an Unternehmen verringerte sich zum Vormonat um sieben Milliarden Euro. Im September war der Rückgang jedoch noch drei Mal so groß. Volkswirt Michael Schubert von der Commerzbank verweist allerdings darauf, dass viele Unternehmen den klassischen Bankkredit zurzeit durch eine Marktfinanzierung ersetzen können: "Investoren dürften im anhaltenden Niedrigzinsumfeld auf der Jagd nach Rendite für eine robuste Nachfrage nach Unternehmensanleihen sorgen, nachdem ihnen die Risiken im Staatsanleihensektor spätestens nach dem Schuldenschnitt in Griechenland vor Augen geführt worden sind."