Große Erleichterung nach Entschärfung von Bank-Liquiditätsregeln

Montag, 7. Januar 2013, 16:06 Uhr
 

Frankfurt (Reuters) - Die Entschärfung der weltweiten Liquiditätsvorschriften für die Kreditwirtschaft sorgt an den Börsen und bei vielen Banken für Erleichterung.

Angeführt von Instituten aus Frankreich und Italien sprang der europäische Banken-Index um bis zu 1,7 Prozent auf den höchsten Stand seit 17 Monaten, während die Börsen insgesamt am Montag leicht nachgaben. Die meisten Geldinstitute übersprängen die gesenkten Hürden nun leicht, sagten Analysten. Die Aktien der Deutschen Bank und der Commerzbank legten drei Prozent zu.

Nach Angaben des schwedischen Notenbankchefs Stefan Ingves, der dem Baseler Ausschuss für Bankenaufsicht vorsitzt, schrumpft die Liquiditätslücke der weltgrößten Banken dank der Erleichterungen auf rund eine Billion Euro zusammen. Im Schnitt kämen sie nun auf eine kurzfristige Liquiditätsdeckungsquote (LCR) von 125 Prozent. Mit der LCR wollen die Aufseher dafür sorgen, dass Banken in einer Finanzkrise 30 Tage lang nicht das Geld ausgeht, auch wenn ihre Kunden massiv Einlagen abziehen und sich Banken gegenseitig kein Geld mehr leihen. Dafür muss die Kennziffer bei mindestens 100 Prozent liegen. Zuletzt hatte das Aufsichtsgremium eine Lücke von 1,8 Billionen Euro ausgemacht.

Banken hatten gewarnt, dass sie die Quote nicht rechtzeitig 2015 erfüllen könnten. Aufseher und Politiker fürchteten, dass die Institute den Aufschwung abwürgen könnten, wenn sie zu viel Liquidität bunkern müssten, statt sie zur Kreditvergabe zu nutzen. Nach dem Kompromiss im Baseler Ausschuss reicht den Banken 2015 eine LCR von 60 Prozent, erst 2019 müssen es 100 Prozent sein. Zudem wird der Kreis der anrechenbaren Instrumente erweitert. Banken wie Societe Generale, Credit Agricole oder auch die Commerzbank kommen nun darum herum, sich mit niedrig verzinsten, sicheren Staatsanleihen einzudecken, mit denen ihnen zweistellige Milliardensummen an Zinsen entgingen.

Die Aufseher erkennen künftig auch Unternehmensanleihen mit schwächerer Bonität, Hypothekenpapiere und unter Umständen sogar Aktien als Liquiditätspolster an. "Die Krise hat gezeigt, dass sich die Liquidität von Staatsanleihen schnell verändern kann und Unternehmensanleihen und Spareinlagen liquider sind als vieles andere", sagte ein Vertreter einer österreichischen Bank, der nicht genannt werden wollte. "Die Entscheidung erleichtert die Kreditvergabe. Die Banken können sich wieder Kunden widmen." Die vor allem in Osteuropa tätige Raiffeisen Bank International sprach von einem "positiven Signal" aus Basel.

MEHR ENTLASTUNG ALS GEDACHT

Asiatische Banken hatten beklagt, dass es dort gar nicht ausreichend Staatsanleihen und gut bewertete Unternehmens-Bonds bester Qualität gebe. "Die Änderungen führen zu einer deutlicheren Entlastung als erwartet", sagte Daiwa-Kreditanalyst Michael Symonds. "Der pragmatischere Ansatz der Regulierer ist richtig." Als "willkommenes Geschenk in letzter Minute" von den Aufsehern sehen viele Experten vor allem die Einbeziehung von hypothekenbesicherten Wertpapieren (RMBS) in die Liquiditätsreserven ab. Das werde den Markt für RMBS in Schwung bringen, sagte Simon Hills vom britischen Bankenverband. Auch das Krisenszenario, für das sich die Banken mit der LCR wappnen müssen, wurde entschärft. Damit kann das Polster dünner ausfallen.

Christoph Bast von der DZ Bank sieht deutsche Institute kaum betroffen. "Die meisten deutschen Banken peilen schon 2013 eine LCR von 100 Prozent an. Doch die Verwässerung gibt den Banken mehr Spielraum, Bargeld und Staatsanleihen in renditeträchtigere Anlagen umzuschichten." Simon Topping, ehemals Bankenaufseher in Hongkong und nun Experte bei KPMG, befürchtet aber, dass viele Institute sich nun zurücklehnen. "Viele Banken in Asien müssen ihr Risikomanagement wirklich verbessern, und ich fürchte, dass sie jetzt eine Ausrede dafür haben, alles zu verzögern."

Die Aktie der britischen Bank Barclays kletterte um 3,7 Prozent. Sie kommt nach Berechnungen der Analysten von Espirito Santo mit Liquiditätsreserven von 160 Milliarden Pfund auf eine LCR von knapp unter 100 Prozent. Nach den Änderungen brauche sie 30 Milliarden Pfund weniger, was ihre Zinskosten im Jahr um 300 Millionen Pfund senke, rechneten die Experten vor.