EZB-Chefvolkswirt - Europas Wirtschaft schrumpft weiter

Sonntag, 20. Januar 2013, 15:44 Uhr
 

Berlin (Reuters) - Die Europäische Zentralbank (EZB) rechnet mit einem weiteren Rückgang der Wirtschaftsleistung in Europa, ist zugleich aber Sorgen vor einem kräftigen Anstieg der Verbraucherpreise in Deutschland entgegengetreten.

"Leider sind wir immer noch in einer Phase, in der die Wirtschaft in Europa schrumpft", sagte EZB-Chefvolkswirt Peter Praet der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung". "Es gibt positive Anzeichen, aber es ist noch nicht entschieden, dass wir uns am Wendepunkt zum Guten befinden." Vier Prozent Inflation im Jahr 2014 - wie von manchen Kritikern der EZB-Geldpolitik befürchtet - seien in Deutschland allerdings kaum vorstellbar, betonte Praet.

Im Ringen um eine Lösung der Euro-Krise forderte Praet die Regierungen auf, Konstruktionsfehler der Wirtschafts- und Währungsunion zu beheben. Nötig seien weitere Strukturreformen. "Die EZB hat ihre Rolle gespielt", sagte Praet. "Dadurch wurde Zeit gewonnen. Aber das ist nicht genug."

Auch Bundesbankpräsident Jens Weidmann betonte, Zentralbanken dürften nicht als die einzig fähigen Krisenmanager angesehen werden. Diese Auffassung sei "falsch und gefährlich", sagte er der finnischen Zeitung "Helsingin Sanomat". Zugleich bekräftigte Weidmann seine Kritik am Kurs der EZB, notfalls unbegrenzt Anleihen zu kaufen.

Auch Kritiker wie die US-Investmentbank Goldman Sachs halten die Geldpolitik der EZB für zu locker und rechnen mit einem Anstieg der Teuerungsrate in Deutschland auf bis zu fünf Prozent. Andere Experten stellen sich mittelfristig sogar auf Inflationsraten von fünf oder sechs Prozent ein.

Die EZB hat ihren Leitzins wegen der Rezession in vielen Euro-Ländern auf das Rekordtief von 0,75 Prozent gesenkt und Hunderte Milliarden Euro durch den Kauf von Staatsanleihen in die Wirtschaft gepumpt. Goldman Sachs sieht darin die Gefahr einer Überhitzung der hiesigen Konjunktur. 2012 zogen die Verbraucherpreise in Deutschland um 2,0 Prozent an, für dieses Jahr sagt die Bundesbank 1,5 Prozent voraus. Die EZB spricht bei Werten von knapp zwei Prozent von Preisstabilität. Sie geht davon aus, dass die Inflation dieses Jahr auch in der Euro-Zone wieder unter diese magische Grenze sinken wird, nachdem sie im November und Dezember mit 2,2 Prozent etwas darüber lag.

 
European Central Bank Executive Board member Peter Praet (L) gives a speech during a meeting organised by the Grand Conferences Catholiques in Brussels January 14, 2013. REUTERS/Eric Vidal