US-Wirtschaft erleidet überraschenden Schwächeanfall

Mittwoch, 30. Januar 2013, 17:47 Uhr
 

Washington (Reuters) - Die US-Wirtschaft hat Ende vergangenen Jahres überraschend einen Schwächeanfall erlitten und ist erstmals seit dem Krisenjahr 2009 geschrumpft.

Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) verringerte sich im vierten Quartal aufs Jahr hochgerechnet um schätzungsweise 0,1 Prozent, wie das Handelsministerium am Mittwoch mitteilte. In derart schlechtem Zustand hat sich die Wirtschaft jenseits des Atlantiks seit dem Frühjahr 2009 nicht mehr präsentiert. Von Reuters befragte Experten zeigten sich verblüfft, da sie ein Plus von 1,1 Prozent erwartet hatten. Noch im Sommer war die größte Volkswirtschaft der Welt um 3,1 Prozent gewachsen. Fachleute rätseln daher, ob die Schwäche zum Jahresende nur ein Ausrutscher war oder ob ein Rückfall in die Rezession droht. Im Gesamtjahr 2012 legte die Wirtschaftsleistung um 2,2 Prozent zu.

Die überraschend schwachen Konjunkturdaten für das letzte Quartal belasteten die New Yorker Börsen zum Handelsbeginn und gaben dem Euro weiter Auftrieb. "Dieser Rückgang ist nicht das, was die Märkte erwartet haben", sagte Ökonom Terry Sheehan von Stone & McCarthy in New Jersey. "Man wird sich jetzt Sorgen machen", sagte Analyst Wayne Kaufman von John Thomas Financial in New York. "Sollte sich aber herausstellen, dass der Wirbelsturm Sandy und die Fiskalklippe für das schlechte Abschneiden verantwortlich sind, werden sie sich wieder beruhigen."

Die Zweifel an der Erholung der US-Wirtschaft kommen zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt auf: Denn die Politik hat den wie ein Damoklesschwert über der Wirtschaft schwebenden Haushaltsstreit - die sogenannte Fiskalklippe - noch immer nicht beigelegt. Der zur Jahreswende mühsam erzielte Kompromiss hat die Probleme nur verschoben, aber nicht gelöst. Es drohen weiterhin für die Wirtschaft gefährliche automatische Kürzungen bei den Staatsausgaben, sollten sich Präsident und Kongress nicht rechtzeitig auf gezielte Einsparungen einigen.

Ausgelöst wurde das Schwächeln der US-Konjunktur vor allem, weil der unter hohen Defiziten ächzende Staat den Gürtel enger schnallen muss. Das macht sich unter anderem im Rüstungssektor bemerkbar. Zugleich bremste der Außenhandel die Konjunktur, da die Exporte stärker schrumpften als die Importe. Zudem haben die Firmen ihre Lagerbestände abgebaut. Positiv stimmt jedoch, dass die Verbraucher trotz der Diskussion um die Fiskalklippe bei Laune blieben. Der private Konsum zog um 2,2 Prozent an und damit noch stärker als im Sommer, als ein Plus von 1,6 Prozent zu Buche stand.

HAUSHALTSSTREIT KÖNNTE VERBRAUCHER VERGRAULEN

Ökonom Thomas Gitzel von der VP Bank befürchtet, dass die ungelösten Etat-Probleme die Bürger zu Jahresbeginn vergraulen werden: "Der teilweise Wegfall von Steuervergünstigungen wurde im Januar erstmals auf den Lohnauszügen sichtbar, was sich im laufenden Quartal negativ auf die Konsumausgaben der Haushalte auswirken wird." Heinrich Bayer von der Postbank rechnet dennoch damit, dass die angeschlagene Wirtschaft bald wieder auf die Beine kommt: "Die markanten Rückgänge bei den Lagerinvestitionen und beim Staatsverbrauch darf man wohl getrost als Ausrutscher werten. Es ist zu erwarten, dass es zu Gegenbewegungen kommt, die das BIP-Wachstum dann in den nachfolgenden Perioden positiv beeinflussen."

ARBEITSMARKT BLEIBT SORGENKIND

Trotz der Anschubhilfe der US-Notenbank durch milliardenschwere Anleihenkäufe sind die Wachstumsaussichten für dieses Jahr durchwachsen: Der IWF veranschlagt ein Plus von 2,0 Prozent. 2014 soll das Wachstum auf 3,0 Prozent anziehen. Damit gerät das besonders von der Notenbank angepeilte Ziel in weite Ferne, die hohe Arbeitslosigkeit auf ein erträgliches Niveau zu reduzieren. Einer Faustregel zufolge muss die Wirtschaft um mehr als drei Prozent wachsen, um das Arbeitslosenheer wirksam schrumpfen zu lassen. Nun kommt sogar Gegenwind auf: Da die Wirtschaft zum Jahresende 2012 schrumpfte, starten die USA quasi mit einem konjunkturellen Bremsklotz ins Jahr 2013. Die Daten dürften der US-Notenbank Federal Reserve zu denken geben, die am Abend über ihren weiteren geldpolitischen Kurs entscheiden sollte. Fed-Chef Ben Bernanke will mit seiner ultraexpansiven Geldpolitik so lange weitermachen, bis die Arbeitslosenquote auf 6,5 Prozent gefallen ist, die im Dezember noch bei 7,8 Prozent lag. Intern mehren sich allerdings die Stimmen, die den Kurs kritisch sehen.

 
Traders work on the floor of the New York Stock Exchange while a screen shows U.S. Federal Reserve Chairman Ben Bernanke's news conference, December 12, 2012