OECD: Deutsche Firmen suchen kaum Fachkräfte im Ausland

Montag, 4. Februar 2013, 16:11 Uhr
 

Berlin (Reuters) - Deutsche Arbeitgeber suchen nach Einschätzung der OECD nur selten Fachkräfte im Ausland.

Selbst Unternehmen, die mit einem Mangel an qualifizierten Mitarbeitern rechneten, zögen dies kaum in Betracht, heißt es in einem am Montag vorgestellten Bericht der Industriestaaten-Organisation. Deutschland gehört demnach zwar zu den OECD-Ländern mit den geringsten Hürden für die Zuwanderung von hoch qualifizierten Arbeitskräften. Für den Zuzug von Fachkräften mit mittlerer Qualifikation seien dagegen Beschränkungen wie das generelle Anwerbeverbot in Kraft, die eine internationale Personalbeschaffung verhinderten. "Deutschland wird daher nicht umhinkommen, hier neue Wege für die Migration von Arbeitskräften zu eröffnen", sagte der stellvertretende OECD-Generalsekretär Yves Leterme in Berlin.

Bei den Arbeitgebern sei die Überzeugung weit verbreitet, dass eine Personalgewinnung im Ausland kompliziert sei. Der schlechte Ruf des deutschen Systems ist laut Studie aber nicht gerechtfertigt: Die Bearbeitungszeiten seien eher kurz, das Verfahren kostengünstig und die Ablehnungsquote gering. Eine größere Hürde sei es, passende Kandidaten zu finden. Vor allem kleine und mittelgroße Betriebe bestünden auf Deutschkenntnissen und sehr spezifischen Qualifikationen, die im Ausland schwer zu finden seien. Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) appellierte an die Firmen, hier flexibler und offener zu sein.

DAUERHAFTE ARBEITSZUWANDERUNG GERING

Im internationalen Vergleich kommen nur wenige ausländische Fachkräfte auf Dauer nach Deutschland. Der OECD-Bericht beziffert die Zahl der Arbeitsmigranten aus Ländern außerhalb der Europäischen Union und der Freihandelsregion Efta auf etwa 25.000 pro Jahr. Das seien rund 0,02 Prozent der Bevölkerung in Deutschland. Andere Länder wie Australien, Dänemark, Kanada und Großbritannien verzeichneten fünf- bis zehnmal so viele beschäftigungsorientierte Zuwanderer.

Die Bundesregierung hat in den vergangenen Jahren die Zuwanderung von Fachkräften erleichtert. So wurden die Mindesteinkommensschwellen für Hochqualifizierte mit der Einführung der "Blauen Karte" der EU gesenkt, und für bestimmte Mangelberufe fielen die Vorrangprüfungen weg. Bisher seien 2500 "Blue Cards" vergeben worden, sagte von der Leyen. "Die Zahlen steigen deutlich."

VIELE FIRMEN SETZEN EHER AUF HEIMISCHEN ARBEITSMARKT

Experten fordern eine ähnlich unbürokratische Regelung für Arbeitnehmer mit mittlerer Qualifikation. Gesucht werden nach Angaben des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) etwa Fachkräfte in der Metall- und Elektroindustrie oder im Gesundheitswesen. Aber im Ausland habe Deutschland bis vor kurzem noch als kranker Mann Europas gegolten, sagte IW-Fachmann Holger Schäfer der Nachrichtenagentur Reuters. "Das muss sich erst einmal herumsprechen, dass Deutschland transparente und faire Zuwanderungsbedingungen hat." Bei vielen sei noch im Kopf, dass Deutschland keine Arbeitskräfte aufnehme.

Dies sieht die OECD ähnlich. "Das Vermächtnis des allgemeinen Anwerbestopps ist, dass Arbeitsmigration nach wie vor auf Ausnahmen basiert", kritisierte Leterme. "Diese Grundeinstellung muss sich ändern." Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) empfiehlt, auf "grundsätzliche Zulässigkeit der Arbeitsmigration" zu setzen, wenn klar definierte Bedingungen erfüllt sind.

Viel Firmen bauen derzeit eher auf das Potenzial am heimischen Arbeitsmarkt, um sich qualifiziertes Personal zu sichern. "Viele Unternehmen setzen bei der Suche nach Fachkräften zunächst mehr auf Ausbildung, Frauen und Ältere", sagte Arbeitsmarkt-Experte Stefan Hardege vom Deutschland Industrie- und Handelskammertag (DIHK).

 
Siemens engineering apprentices listen to a teacher (R) during a class at the Siemens training centre in Berlin, August 30, 2012. Siemens has enrolled 29 students from 14 European countries for the "Europeans at Siemens" program to teach them in the sectors of mechatronics and engineering. After completing the three-and-a-half-year program they will be eligible to pass exams that are recognized by the German Chamber of Commerce. REUTERS/Thomas Peter (GERMANY - Tags: EDUCATION BUSINESS EMPLOYMENT)