Fed will mit Zinssenkung Rezession verhindern
Washington/Frankfurt (Reuters) - Die US-Notenbank will eine Rezession in den Vereinigten Staaten mit aller Macht verhindern.
Die Federal Reserve (Fed) senkte am Dienstag außerplanmäßig ihren Zielsatz für Tagesgeld gleich um 75 Basispunkte auf 3,5 Prozent. So stark hatte die Fed zuletzt vor gut 23 Jahren im Oktober 1984 den damals noch als Leitzins geltenden Diskont-Satz auf einen Schlag reduziert. Der Beschluss sei wegen der zunehmend schlechteren Aussichten für die US-Wirtschaft erfolgt, teilte die Fed mit. Die Notenbank änderte zum ersten Mal seit den Anschlägen vom 11. September 2001 den Leitzins zwischen den regulären Sitzungen. Der Anfang der 90er Jahre von der Fed zum neuen Leitzins erklärte Zielsatz für Tagesgeldgeschäfte der Banken (Federal Funds Rate) ist noch nie so stark gesenkt worden.
An den Börsen sorgte der Überraschungscoup für Erleichterung. In New York eröffneten Dow Jones und der Index der Technologiebörse Nasdaq zwar mit Abschlägen von bis zu fünf Prozent, anschließend verringerten sich die Verluste aber merklich. Zuvor waren in Europa und Asien wegen der Angst der Anleger vor einer Rezession in den USA mit unabsehbaren Folgen für die Weltwirtschaft die Aktienkurse erneut auf breiter Front eingebrochen.
Die Börsen weltweit befinden sich seit Wochenbeginn im freien Fall. Alleine der Dax hatte am Montag rund sieben Prozent verloren - gut 60 Milliarden Euro wurden binnen weniger Stunden vernichtet. Am Dienstag drehte der deutsche Leitindex nach der Fed-Aktion ins Plus. Am Devisenmarkt schoss der Euro um einen Cent in die Höhe, der Goldpreis zog kräftig an.
Wie die Fed mitteilte, gebe es in den USA neue Anzeichen für eine weitere Verschlechterung der Lage am Immobilienmarkt, von dem die Krise im vergangenen Sommer ihren Anfang genommen hatte. Auch sei eine Schwäche am Arbeitsmarkt in den USA zu befürchten. Parallel zum Leitzins senkte die Fed ihren Diskontsatz, zu dem sich die Banken bei ihr über Nacht Geld leihen können. Die US-Notenbank betonte, sie werde notfalls weiter zeitnah handeln, um größeren Wirtschaftsrisiken zu begegnen. Eigentlich stand die nächste Zinsentscheidung der Fed in der kommenden Woche an. Experten hatten aber bereits auf eine vorzeitige Zinssenkung spekuliert, sogar einen weiteren Schritt nach unten halten einige Ökonomen nächsten Mittwoch für denkbar.
Andere Notenbanken, darunter die Europäische Zentralbank (EZB) und die Schweizer Nationalbank, wollten die Zinsentscheidung nicht kommentieren. Die Bank of Canada folgte dagegen dem Beispiel der Fed umgehend und reduzierte ihren Leitzins um 25 Basispunkte auf vier Prozent. Die Bank von Japan hatte ihren Schlüsselzins in der Nacht nicht angetastet. Die Bank von England erklärte, sie wolle die nächste für Anfang Februar geplante Sitzung ihres geldpolitischen Ausschusses nicht vorziehen.
MERKEL BESCHWICHTIGT - LAGE IN EUROPA NICHT VERGLEICHBAR
Das Weiße Haus in Washington wollte sich nicht zum Vorgehen der Fed äußern. US-Präsident Georg W. Bush will mit einem milliardenschweren Konjunkturprogramm eine drohende Rezession verhindern. Fed-Chef Ben Bernanke unterstützt diese Pläne. In Berlin sagten Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Finanzminister Peer Steinbrück (SPD), die EZB müsse selbst entscheiden, wie sie auf die Zinssenkung in den USA reagiere. "Wir haben unsere eigene spezifische Lage in Europa. Und wir haben volles Vertrauen in die Europäische Zentralbank", sagte Merkel. Es gebe keine Anzeichen für eine Rezession in Deutschland. Gleichwohl verlangsamt sich auch hier zu Lande das Wachstum.
Volkswirte schlugen nach dem versuchten Befreiungsschlag der Fed pessimistische Töne an. Michael Metz von Sal. Oppenheim sagte: "Die Fed ist offensichtlich panisch, aber leider haben sie nicht die Macht, abzuwenden, was nach meiner Einschätzung die schlimmste Rezession der Nachkriegszeit ist." John Tierney von der Deutschen Bank fasste zusammen: "Die Fed ist sehr, sehr, sehr besorgt."
Die von den USA ausgehende Finanzkrise zieht seit Mitte vergangenen Jahres immer weitere Kreise. Am Dienstag meldete der US-Anleihenversicherer Ambac einen Verlust von 3,3 Milliarden Dollar. Die Bank of America musste ebenso weitere Milliarden abschreiben. Nach wie vor angespannt ist auch die Lage am Geldmarkt. Hier hatten mehrere Zentralbanken im Dezember gemeinsam interveniert. Am Dienstag gab es offenbar keine solche Abstimmung zwischen den internationalen Währungshütern.
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