Trichet rechnet nur mit Wachstumsdelle in Euro-Zone

Freitag, 18. Juli 2008, 13:29 Uhr
 

Frankfurt (Reuters) - EZB-Chef Jean-Claude Trichet rechnet zum Ende des Jahres mit einer langsamen Erholung der Konjunktur im Euroraum.

"Unser zugrundeliegendes Szenario ist, dass wir im zweiten und dritten Quartal dieses Jahres eine Talsohle beim Wachstum in der Eurozone haben werden und danach schrittweise zu einem moderaten Wachstum zurückkehren", sagte Trichet in einem am Freitag veröffentlichten Interview mit vier europäischen Zeitungen. Zu den Wachstumsrisiken zählte Trichet die "äußerst signifikante Finanzmarkt-Korrektur" und einen möglicherweise weiteren Preisanstieg bei Öl und anderen Rohstoffen.

Ausgehend von der zuletzt auf Rekordwerte seit Einführung des Euro gestiegenen Teuerung sieht Trichet auch Anzeichen für inflationsverstärkende Zweitrundeneffekte. Diese seien zwar noch kein allerorten zu beobachtendes Phänomen. "Aber wir sehen Anzeichen, die wir ernst nehmen müssen." Der jüngste Anstieg der Lohnstückkosten sei ein Indiz, das berücksichtigt werden müsse. Die Botschaft der Notenbank sei es, dass sie Zweitrundeneffekte mit Härte entgegentreten werde. Er verspreche Haushalten und Unternehmen, dass die Jahresinflation auf mittlere Sicht "unter, aber nahe zwei Prozent" bleiben werde. Die tatsächliche Teuerung lag zuletzt mit vier Prozent im Durchschnitt aller Länder der Währungsunion doppelt so hoch wie diese Zielmarke der EZB.

Die durch die Finanzkrise gekennzeichnete Wirtschaftslage seit einem Jahr beschrieb Trichet als Periode einer andauernden Marktkorrektur mit Phasen von Turbulenzen, hoher Volatilität und hektischem Marktverhalten. "Dieser Prozess dauert an." Er sei überzeugt, dass es wichtige Ähnlichkeiten der aktuellen Lage zum Ölpreisschock der 70er Jahre gebe. "So wie 1973/74 gibt es heute einen großen Einkommenstransfer von den Ölverbrauchern hin zu den Ölproduzenten. Zu versuchen, dies zu leugnen, wäre ein kapitaler Fehler."

Die EZB hatte Anfang Juli den Leitzins für die Euro-Zone trotz heftiger Kritik seitens Politik und Gewerkschaften auf 4,25 Prozent erhöht. Die Währungshüter hatten diesen Schritt mit der Gefahr von Zweitrundeneffekten begründet, die - wenn nicht im Keim erstickt - zu einer Lohn-Preis-Spirale mit weiter steigender Teuerung führen könnten. Außerdem müssten die Inflationserwartungen von Unternehmen und Haushalten in Zaum gehalten werden, damit kein Inflationsklima entstehe.