EZB: Zinserhöhung würgt Wachstum nicht ab
Berlin (Reuters) - Führende EZB-Vertreter sind Befürchtungen vor einem Abwürgen der Konjunktur nach der Zinserhöhung entgegengetreten.
Das Wachstum werde nicht zum Erliegen gebracht. "Ganz im Gegenteil", sagte EZB-Ratsmitglied Yves Mersch dem Luxemburger "Tageblatt" (Freitagausgabe). "Mit dieser Zinserhöhung zeigen wir den Bürgern, dass wir die Wahrung der Preisstabilität - und somit auch die Erhaltung der Kaufkraft - ernst nehmen." Das schaffe Vertrauen und damit die Grundlage für mehr Wachstum und Beschäftigung. Bundesbankpräsident Axel Weber sagte, die Sicherung stabiler Preise liege im Interesse der Verbraucher und der Unternehmen. "Und Preisstabilität ist zugleich der wichtigste Beitrag, den die Geldpolitik für nachhaltiges Wachstum und hohe Beschäftigung tun kann", sagte Weber dem "Südkurier".
Die EZB hatte ihren Leitzins am Donnerstag trotz Kritik von Politikern und Gewerkschaften von 4,0 auf 4,25 Prozent und damit zum ersten Mal seit 13 Monaten angehoben. Dies sei keine Prophylaxe gewesen, sagte Weber, einige Risiken hätten sich materialisiert. Nach dem neuen ARD-Deutschlandtrend haben 85 Prozent der Deutschen Angst vor der Inflation, die im Juni auf 3,3 Prozent und damit den höchsten Stand seit 15 Jahren gestiegen war. In der Euro-Zone lag die Teuerungsrate mit vier Prozent sogar noch darüber. Die EZB sieht dagegen bei knapp unter zwei Prozent Preisstabilität gewährleistet.
Die Teuerung werde sich auch nicht so schnell abschwächen und länger über der Zielmarke liegen als ursprünglich gedacht, sagte EZB-Ratsmitglied Jose Manuel Gonzalez Paramo. Mersch begründete die Zinserhöhung mit den gestiegenen Inflationserwartungen. "Besser heute ein wenig Schmerz ertragen, als deutlich mehr Schmerz in Zukunft", sagte der Luxemburger Notenbankchef. Gonzalez Paramo schloss sich dem an. "Falls sich diese Erwartungen im System dauerhaft verfestigen, sind wir verloren." Die Bundesregierung sieht keine Handhabe gegen die Inflation auf nationaler Ebene. Gegen die Preisentwicklungen auf den internationalen Märkten könne man mit Mitteln der Haushalts- und der Steuerpolitik nichts unternehmen, sagte der stellvertretende Regierungssprecher Thomas Steg. Nach Einschätzung von EZB-Vertretern werde sich die Teuerung im kommenden Jahr wieder abschwächen.
Die Inflation hat zuletzt den Konsum deutlich gebremst, der deutsche Einzelhandelsverband HDE senkte deswegen seine Umsatzprognose für das laufende Jahr. Der ARD-Umfrage zufolge schränken sich mehr als zwei Drittel der Verbraucher in Deutschland wegen der hohen Teuerung bereits ein. Das hat das Wachstum belastet. Die Konjunktur in der Euro-Zone habe sich in den vergangenen Monaten merklich abgekühlt, sagte Gonzalez Paramo. Für das kommende Jahr erwartet er ein Wachstum von 1,4 bis 1,6 Prozent. Mersch sieht um die Jahresmitte den niedrigsten Punkt. "Wann genau das Wachstum wieder anziehen wird, ist schwer zu sagen", sagte er. "Die Prognosen der EZB bleiben bestehen: Die Konjunktur wächst langsamer, aber sie wächst."
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