Deutsche Wirtschaft schwächelt auf breiter Front

Dienstag, 26. August 2008, 15:23 Uhr
 

Berlin (Reuters) - Die Konjunkturflaute hat im Frühjahr weite Teile der Wirtschaft erfasst.

Die Unternehmen investierten erstmals seit fast zwei Jahren weniger, während gleichzeitig die Exporte schrumpften und der private Konsum erneut nicht in Schwung kam. Dadurch sank das Bruttoinlandsprodukt von April bis Juni um 0,5 Prozent im Vergleich zum ersten Quartal, wie das Statistische Bundesamt am Dienstag eine frühere Schätzung bestätigte. Das war das erste Minus seit Sommer 2004. Zu Jahresbeginn hatte es noch ein Plus von 1,3 Prozent gegeben.

Experten schließen ein erneutes Minus im Sommer nicht aus. Für den Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK) wäre das aber noch keine Rezession. "Rezession ist dann, wenn nachhaltig Personal abgebaut wird", sagte Hauptgeschäftsführer Martin Wansleben zu Reuters. "Derzeit wird weiter aufgebaut, auch wenn die Unternehmen bei Neueinstellungen zurückhaltender geworden sind." 2009 werde die Beschäftigung erneut zulegen.

VERBRAUCHER TRAGEN IHR GELD AUF DAS SPARKONTO

Die Verbraucher gaben 0,7 Prozent weniger für den Konsum aus als zu Jahresbeginn. Er sank damit das dritte Quartal in Folge. Als Gründe für die Zurückhaltung gelten die Sorge vor einer längeren Konjunkturflaute und die hohe Inflation, die Kaufkraft kostet. "In diesem Umfeld geben die Verbraucher nicht mehr Geld aus", sagte der Deutschland-Chefvolkswirt von UniCredit, Andreas Rees. Das Geld landet auf den Sparkonten statt in den Kassen der Kaufhäuser: Die Sparquote stieg von 10,3 auf 10,8 Prozent. Eine baldige Belebung ist nicht in Sicht, signalisiert das GfK-Konsumklima für September: Es gab den vierten Monat in Folge nach und ist so kühl wie seit fünf Jahren nicht mehr.

"INVESTITIONSBOOM OFFENSICHTLICH ZU ENDE

Die Unternehmen investierten 0,5 Prozent weniger in Maschinen, Anlagen und andere Ausrüstungen. "Damit hat der seit Frühjahr 2004 andauernde Investitionsboom offensichtlich ein Ende gefunden", hieß es bei der Commerzbank. Die Bauinvestitionen schrumpften sogar um 3,5 Prozent. Das war erwartet worden, nachdem wegen des milden Winters viele Projekte schon zu Jahresbeginn beendet wurden. Dadurch hatten die Bauinvestitionen von Januar bis März um kräftige 5,7 Prozent zugelegt.

Gestützt wurde die Konjunktur vom Außenhandel. Zwar gingen die Exporte um 0,2 Prozent und damit erstmals seit 2007 zurück. Da die Importe aber mit 1,3 Prozent noch stärker sanken, ergab sich ein Exportüberschuss. Auch der Staat kurbelte die Wirtschaft an: Er steigerte seine Konsumausgaben um 0,3 Prozent.

Experten rechnen auch im dritten Quartal mit einer schwachen Konjunktur. "Die Konsumausgaben werden kein Gegengewicht bilden können zu den nachlassenden Exporten und schwächeren Investitionen", sagte Rees. Angesichts der schwachen Konjunktur in wichtigen Exportmärkten dürfte die Ausfuhren vorerst nicht mehr die Wirtschaft stimulieren. "Spanien ist in der Rezession, Italien dümpelt beim Wachstum um die Null-Linie, in Frankreich bricht das Wachstum ein und Großbritannien droht eine Rezession", sagte Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer. "Selbst die wettbewerbsfähige deutsche Wirtschaft scheint sich diesem Abwärtssog nicht entziehen zu können."

Für das Gesamtjahr rechnet der DIHK mit einem Wachstum von mindestens zwei Prozent. "2009 werden wir aber froh sein, wenn wir eine Eins vor dem Komma bekommen", sagte Wansleben zu Reuters. 2007 hatte die Wirtschaft noch um 2,5 Prozent zugelegt, 2006 waren es sogar 3,0 Prozent.