Historischer Zinsschritt der Fed stabilisiert Märkte

Dienstag, 22. Januar 2008, 17:17 Uhr
 

Washington/Frankfurt (Reuters) - Die US-Notenbank hat mit einer überraschenden und in ihrer Höhe einmaligen Senkung des Leitzinses die Talfahrt an den Börsen zumindest kurzfristig stoppen können.

An der Wall Street eröffneten Dow Jones und der Index der Technologiebörse Nasdaq am Dienstag rund eine Stunde nach dem Überraschungscoup der Federal Reserve (Fed) zwar mit Abschlägen von bis zu fünf Prozent, anschließend verringerten sich die Verluste aber. Zuvor waren in Europa und Asien wegen der Angst der Anleger vor einer Rezession in den Vereinigten Staaten mit unabsehbaren Folgen für die Weltwirtschaft die Aktienkurse erneut auf breiter Front eingebrochen.

Die Fed senkte am Dienstag ihren Schlüsselzins zur Versorgung der Kreditwirtschaft mit Zentralbankgeld gleich um 75 Basispunkte auf 3,5 Prozent. Eine solche massive Zinssenkung gab es in den USA noch nie an einem einzigen Tag. Der Beschluss sei wegen der zunehmend schlechteren Aussichten für die US-Wirtschaft erfolgt, teilte die Fed mit.

Die Börsen in Asien und Europa befinden sich seit Wochenbeginn im freien Fall. Alleine der Dax hatte am Montag rund sieben Prozent verloren - gut 60 Milliarden Euro wurden binnen weniger Stunden vernichtet. Am Dienstag bremste der deutsche Leitindex seine Talfahrt etwas und drehte sogar leicht ins Plus. Am Devisenmarkt schoss der Euro nach der Fed-Entscheidung hingegen um einen Cent in die Höhe, der Goldpreis zog ebenso kräftig an, während an den Anleihenmärkten die Kurse fielen.

Andere Notenbanken, darunter die Europäische Zentralbank (EZB) und die Schweizer Nationalbank, wollten die Zinsentscheidung nicht kommentieren. Die Bank of Canada folgte dagegen dem Beispiel der Fed umgehend und reduzierte ihren Leitzins um 25 Basispunkte auf vier Prozent. Die Bank von Japan hatte ihren Schlüsselzins in der Nacht nicht angetastet. Die Bank von England erklärte, sie wolle die nächste für Anfang Februar geplante Sitzung ihres geldpolitischen Ausschusses nicht vorziehen.

MERKEL BESCHWICHTIGT - LAGE IN EUROPA NICHT VERGLEICHBAR

Das Weiße Haus in Washington wollte sich nicht zum Vorgehen der Fed äußern. US-Präsident Georg W. Bush will mit einem milliardenschweren Konjunkturprogramm eine drohende Rezession verhindern. Fed-Chef Ben Bernanke unterstützt diese Pläne. In Berlin sagten Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Finanzminister Peer Steinbrück (SPD), die EZB müsse selbst entscheiden, wie sie auf die Zinssenkung in den USA reagiere. "Wir haben unsere eigene spezifische Lage in Europa. Und wir haben volles Vertrauen in die Europäische Zentralbank", sagte Merkel. Es gebe keine Anzeichen für eine Rezession in Deutschland. Gleichwohl verlangsamt sich auch hier zu Lande das Wachstum.

Wie die Fed mitteilte, gebe es in den USA neue Anzeichen für eine weitere Verschlechterung der Lage am Immobilienmarkt, von dem die Krise im vergangenen Sommer ihren Anfang genommen hatte. Auch sei eine Schwäche am Arbeitsmarkt in den USA zu befürchten. Parallel zum Leitzins senkte die Fed ihren Diskontsatz, zu dem sich die Banken bei ihr über Nacht Geld leihen können. Die US-Notenbank betonte, sie werde notfalls weiter zeitnah handeln, um größeren Wirtschaftsrisiken zu begegnen. Eigentlich stand die nächste Zinsentscheidung der Fed in der kommenden Woche an. Experten hatten aber bereits auf eine vorzeitige Zinssenkung spekuliert, sogar einen weiteren Schritt nach unten halten einige Ökonomen nächsten Mittwoch für denkbar.

Volkswirte schlugen nach dem versuchten Befreiungsschlag der Fed pessimistische Töne an. Michael Metz von Sal. Oppenheim sagte: "Die Fed ist offensichtlich panisch, aber leider haben sie nicht die Macht, abzuwenden, was nach meiner Einschätzung die schlimmste Rezession der Nachkriegszeit ist." John Tierney von der Deutschen Bank fasste zusammen: "Die Fed ist sehr, sehr, sehr besorgt."

Die von den USA ausgehende Finanzkrise zieht seit Mitte vergangenen Jahres immer weitere Kreise. Am Dienstag meldete der US-Anleihenversicherer Ambac einen Verlust von 3,3 Milliarden Dollar. Die Bank of America musste ebenso weitere Milliarden abschreiben. Die Hiobsbotschaften aus dem Finanzsektor reißen nicht ab. Nach wie vor angespannt ist auch die Lage am Geldmarkt.

afr/zap