Konjunktur | Sonntag, 24. Februar 2013, 14:54 Uhr

Großbritannien verliert Spitzenrating "AAA"

London/New York Nach dem Entzug des Spitzenratings steigt der Druck auf Großbritanniens Finanzminister George Osborne.

Er bekräftigte zwar, trotz des Verlustes der Note "AAA" an seiner Sparpolitik festhalten zu wollen. Seine Gegner sehen jedoch jetzt den richtigen Zeitpunkt für eine Abkehr von seinem unbeliebten Sparkurs. "Osborne kann sich nicht länger verstecken oder die Schuld anderen in die Schuhe schieben", sagte David Blanchflower, der von 2006 bis 2009 bei der britischen Notenbank die Zinspolitik des Landes mitbestimmte.

Moody's entzog dem Königreich am Freitagabend das wertvolle Spitzenrating "AAA". Damit wurde Großbritannien erstmals in der Geschichte von einer großen Rating-Agentur herabgestuft. Moody's machte den Sparkurs von Regierung und Firmen, aber auch die Euro-Krise für die Schwäche der Konjunktur verantwortlich.

Damit schrumpft in der EU die Gruppe der "AAA"-Länder um Deutschland weiter - Frankreich hatte erst im vergangenen Jahr seine Bestnote eingebüßt. Für Osborne ist es ein herber Rückschlag: Er war 2010 mit dem Versprechen gewählt worden, die Bestnote zu verteidigen. Der Verlust sei eine harsche Erinnerung daran, wie ernst die Schuldenprobleme des Landes seien, sagte Osborne. Die neue Benotung sei jedoch kein Grund für eine Kehrtwende in der Politik. Im Gegenteil: Sie werde die Entschiedenheit der Regierung verdoppeln, die Wirtschaft wieder auf Kurs zu bringen.

Die oppositionelle Labour-Partei macht den drastischen Sparkurs für das hohe Defizit verantwortlich, weil er die Wirtschaft so stark abbremst. "Die Medizin wirkt nicht und der Finanzminister erhöht die Dosis", sagte der finanzpolitische Sprecher der Labour-Partei. "Das ist wie im 18. Jahrhundert als Ärzte ihre Patienten immer wieder zur Ader ließen, wenn sich ihr Zustand verschlechterte."

Moody's bewertet die Bonität Großbritanniens nun nur noch mit der Note "AA1". Damit könnten sich neue Kredite für das Land verteuern, falls die Finanzmärkte einen höheren Risikoaufschlag verlangen. Auch die USA haben im Zuge der Finanzkrise eine "AAA"-Note bereits verloren. Der Schritt hatte bislang keine größeren Auswirkungen auf die Kreditkosten des Landes.

FINANZMÄRKTE WAREN AUF HERABSTUFUNG GEFASST

Für die Finanzmärkte kam die Nachricht nicht überraschend. Neben Moody's hatten Standard & Poor's sowie Fitch Großbritannien bereits mit einem Entzug der Bestnote gedroht. Deshalb dürften sich die Kursreaktionen nach Einschätzung von einigen Börsianern zum Handelsstart am Montag zunächst in Grenzen halten. Das Pfund reagierte mit einem Wertverlust. Andere Analysten zeigten sich weniger gelassen. "Das ist eine ziemlich große Sache", sagte Kathy Lien von BK Asset Management. Bei der Eröffnung der asiatischen Märkte am Sonntag (US-Zeit) könnte es größere Verkäufe geben, erklärte sie.

Die Finanzkrise und ihre Folgen haben die Verschuldung Großbritanniens so rasant ansteigen lassen wie in kaum einem anderen Land. Der Gesamtschuldenberg verdoppelte sich innerhalb von fünf Jahren auf rund 90 Prozent der Wirtschaftsleistung. Grund ist vor allem der riesige Finanzsektor des Landes. Dieser erforderte während der Krise zahlreiche enorm teure staatliche Rettungsaktionen und belastete zudem die gesamte Wirtschaft, die seitdem nie wieder richtig auf die Beine gekommen ist.

Die Regierung musste wegen dieser Misere bereits ihr Ziel eines ausgeglichenen Haushalts bis zur Wahl 2015 um mindestens zwei Jahre verschieben. Gleichwohl mache die grundsätzlich vorhandene Wirtschaftskraft des Landes und ein politischer Wille eine finanzielle Konsolidierung in Großbritannien möglich, hieß es bei Moody's. Deshalb versah die Agentur das neue Rating mit einem stabilen Ausblick und signalisierte, dass zunächst keine weitere Herabstufung droht.

OLYMPIA-EUPHORIE WAR NUR VON KURZER DAUER

Großbritannien steckte von Ende 2011 bis zum zweiten Quartal 2012 in der Rezession. Im vergangenen Sommer gelang dank der Olympischen Spiele in London ein Plus. Doch danach machten dem Land Produktionsausfälle in der Industrie und eine geringere Öl-Förderung in der Nordsee zu schaffen. Eis und Kälte lähmten Einzelhandel und Bau. Für Verunsicherung sorgen auch die Reformwünsche von Premierminister David Cameron, der Rechte von Brüssel nach London zurückverlagern will und dabei auf Widerstand bei den anderen EU-Staats- und Regierungschefs stößt.

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