Euro-Zone rutscht erstmals in die Rezession

Freitag, 14. November 2008, 15:58 Uhr
 

Brüssel/Berlin (Reuters) - Im Sog des weltweiten Abschwungs ist die Euro-Zone im Sommer erstmals in die Rezession gerutscht.

Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) schrumpfte wie bereits im Frühjahr um 0,2 Prozent, wie die Statistikbehörde Eurostat am Freitag mitteilte. Deutschland und Italien bildeten unter den Euroländern bei der Wirtschaftsdynamik das Schlusslicht, während Frankreich nur knapp einer Rezession entging. Mit der wirtschaftlichen Talfahrt steigt zugleich der Druck auf die EZB, der strauchelnden Wirtschaft mit weiteren Zinssenkungen unter die Arme zu greifen. Der nachlassende Preisdruck in der Euro-Zone dürfte ihr Spielraum dafür lassen. Mehrere Notenbanker bereiteten die Märkte bereits für Dezember auf eine weitere Kappung des Leitzinses vor.

Die Euro-Zone muss sich nach Einschätzung von Experten wegen des globalen Abschwungs im Strudel der Finanzkrise auf eine längere konjunkturellen Durststrecke einstellen. Die Staats- und Regierungschefs der 20 wichtigsten Industrie- und Schwellenländer wollen am Wochenende darüber beraten, wie die krisengeschüttelte Finanzarchitektur erneuert und damit auch die Konjunkturaussichten weltweit verbessert werden können. Bundeskanzlerin Angela Merkel sagte vor ihrem Aufbruch nach Washington, wegen der dramatischen Folgen für die Wirtschaft dürfe sich die Finanzkrise nicht wiederholen.

Exportweltmeister Deutschland hat der globale Abschwung mit voller Wucht getroffen und im Sommer in die Rezession gestürzt. Auch in Italien ging das BIP um 0,5 Prozent zurück. Die Wirtschaft des südeuropäischen Landes schrumpfte damit so stark wie seit rund zehn Jahren nicht mehr. Das besonders hart von der Finanz- und Immobilienkrise gebeutelte Spanien musste ebenfalls Federn lassen: Erstmals seit 1993 ging die Wirtschaftsleistung zurück.

Nur Deutschlands wichtigster Handelspartner Frankreich stemmte sich überraschend gegen den Trend. Das Bruttoinlandsprodukt legte im Sommerquartal um 0,1 Prozent zu. Die Gefahr einer Rezession ist dort aus Expertensicht allerdings noch lange nicht gebannt. Ökonom Jean-Louis Mourier vom Händlerhaus Aurel Leven sieht düstere Perspektiven: "Bis zum September konnte von einer Kreditklemme nicht die Rede sein. Gut möglich, dass das vierte Quartal in dieser Hinsicht eine böse Überraschung bereit hält."

"R-WORT" WIRD EURO-ZONE WOHL NOCH LÄNGER BEGLEITEN

Trotz verschärfter Kreditkonditionen haben die Unternehmen in Deutschland nicht unter einer Kreditklemme zu leiden. Dennoch gehen viele Experten davon aus, dass die Talfahrt auch im vierten Quartal anhält. Auch die Euro-Zone wird wegen der Folgen der Finanzkrise wohl noch länger mit dem "R-Wort" leben müssen. Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer vermutet, dass die Rezession wegen der in vielen Ländern fallenden Immobilienpreise bis Mitte nächsten Jahres anhalten wird. "Die Europäische Zentralbank könnte ihren Leitzins in einem solchen Szenario sogar auf unter zwei Prozent senken", prognostiziert Krämer. EZB-Banker Jürgen Stark warnte jedoch vor geldpolitischen Übertreibungen. "Wir müssen aufpassen, dass wir bei der Lösung der Krise nicht die Grundlage schaffen für neue Übertreibungen", sagte Stark im SWR auf die Frage, ob ein Leitzins von zwei Prozent eine realistische Größe sei.

Sein Ratskollege Athanasios Orphanides rechnet mit weiteren Zinssenkungen in den kommenden Monaten. "Wie Präsident (Jean-Claude) Trichet bereits gesagt hat, können wir das nicht ausschließen und auch angesichts der aktuellen Umstände sollte eine weitere Lockerung der Geldpolitik nicht als unwahrscheinlich erachtet werden", sagte Orphanides zu Reuters TV in Frankfurt. Sein Kollege Miguel Angel Ordonez sieht Chancen für eine Zinssenkung bereits im Dezember. Die EZB hat seit Oktober den Leitzins in zwei Schritten von 4,25 auf 3,25 Prozent gesenkt. Die nachlassende Inflation in der Euro-Zone dürfte ihr die Tür für weitere geldpolitische Lockerungen öffnen. Die Jahresteuerung ging im Oktober auf 3,2 Prozent zurück, nachdem sie im Sommer noch ein Rekordhoch erreicht hatte.