Saturn entdeckt das Internet - Verkaufsportal geht online

Montag, 10. Oktober 2011, 07:38 Uhr
 

Düsseldorf (Reuters) - Der Trendsetter kommt dieses Mal sehr spät: Am Montag eröffnet die Elektronikkette Saturn nach langen internen Debatten einen eigenen Internet-Shop.

"Der Tag, von dem viele dachten, dass er nie kommen würde, ist nun da", sagt der für das operative Geschäft zuständige Vorstand der Media-Saturn-Holding, Pieter August Haas, und spricht von einem "der größten strategischen Umbrüche" in der 50-jährigen Firmengeschichte. Dieser soll nun zu einem raschen Erfolg führen: Bis 2016 will Media-Saturn rund fünf Milliarden Euro im Internet-Geschäft erlösen. Um die dafür nötige Strategie hatte es lange Debatten zwischen Management, Alteignern und der Konzernmutter Metro gegeben. Saturn setzt nun auf eine "Multichannel"-Taktik, um Platzhirschen wie Amazon die Stirn bieten zu können. Eine entscheidende Rolle sollen dabei auch die 144 Filialen in Deutschland spielen.

Media Markt und Saturn hatten durch Großmärkte auf der grünen Wiese ein neues Geschäftsmodell für die Elektro-Branche in Deutschland entwickelt und damit über Jahre rasante Wachstumsraten verzeichnet. 235 Saturn-Märkte gibt es mittlerweile in Europa. Doch zuletzt schrillten die Alarm-Glocken: Im zweiten Quartal rutschte Media-Saturn in die Verlustzone, der operative Fehlbetrag (Ebit) vor Sonderfaktoren betrug 44 Millionen Euro.

Analysten hatten immer wieder eine Strategie für den Wachstumsmarkt Internet angemahnt - allein 2011 wird im Online-Handel nach Schätzungen des Branchenverbands HDE voraussichtlich ein Umsatz von 26,1 Milliarden Euro eingefahren. Für 2012 rechnet der Verband mit einem Plus von zwölf Prozent.

Media-Saturn hatte lange um eine Antwort auf die Herausforderung Internet gerungen. Ein Grund dafür ist die dezentrale Struktur der Märkte, bei denen die Marktleiter große Mitspracherechte auch bei der Preissetzung haben. Unter anderem wurde ein Modell geprüft, für einzelne Märkte eigene Online-Shops anzulegen - dies wurde Insidern zufolge aber verworfen, da ein bundesweites Preis-Chaos befürchtet wurde. Die langen Debatten sind auch einer der Gründe dafür, dass Mehrheitseigner Metro die umfassenden Veto-Rechte der Alteigner bei Europas größtem Elektronik-Händler aushebeln will. Der Streit darüber wird am Dienstag vor dem Landgericht Ingolstadt fortgesetzt.

SPÄT - ABER NICHT ZU SPÄT, HOFFT DER SATURN-MANAGER

Nun geht Saturn im Internet mit einem eigenen Shop an den Start, Anfang 2012 soll Media Markt folgen. "Es mag ja spät sein - aber nicht zu spät", sagt Haas. Der Manager hofft, dass eine enge Verzahnung zwischen Webshop und lokalen Märkten die Kunden auf die Saturn-Internetseiten lockt und zum Kauf verführt. Sie können zunächst unter rund 2500 Artikeln wählen, das Angebot soll aber noch ausgebaut werden. Die Kunden könnten im Internet kaufen und die Waren - bei entsprechender Verfügbarkeit - noch am selben Tag in einem der Saturn-Märkte in ihrer Nähe abholen, sagt Haas. Oder sich im Markt beraten lassen und dann via Internet ordern. Unzufriedene Online-Kunden können ihre Bestellungen zudem in einem der Saturn-Märkte umtauschen. Saturn biete damit Möglichkeiten, die kein anderer reiner Online-Shop bieten könne, wirbt Haas mit Blick auf Wettbewerber wie Amazon. Vor allem im wichtigen Weihnachtsgeschäft könne es ein Vorteil sein, wenn die Kunden rasch und versandkostenfrei an ihre Waren kommen könnten. Und auch die Marktleiter hat die Kette in ihr Modell eingebunden - diese sollen anteilig an den Gewinnen beteiligt werden.

ZEIT DER KAMPFPREISE SOLL VORBEI SEIN

Auf Kampfpreise setzt der Elektronikhändler aber nun nicht mehr. Die Kommunikationsstrategie werde geändert, es werde "nicht mehr mit Schrot geschossen", betont Haas. Die Kette wolle "nicht in jeder Preismaschine erster sein - das ist nicht das Ziel". Media Markt hat bereits mit Blick auf die Eröffnung des eigenen Online-Shops ein Ende des "Preis-Irrsinns" mit immer neuen Rabattaktionen ausgerufen. An Platzhirsch Amazon, der Kaufkraft aus den realen Läden abzieht, wolle sich Saturn aber messen. Auch wächst der Druck der Konzernmutter Metro. Diese setzt auf Besserung im zweiten Halbjahr mit dem wichtigen Weihnachtsgeschäft. Metro werde die "Herausforderungen mit Nachdruck" angehen, hatte Konzernchef Eckhard Cordes angekündigt. Dieser erkärte unterdessen am Sonntag überraschend, für eine Verlängerung seines bis zum 31. Oktober 2012 laufenden Vertrags nicht mehr zur Verfügung stehen. Im Machtkampf um die künftige Führung des Handelsriesen wirft Cordes damit nun doch das Handtuch.