EU blockiert Mega-Börsen-Fusion - "Enttäuschender Tag"

Mittwoch, 1. Februar 2012, 17:39 Uhr
 

Brüssel/Frankfurt (Reuters) - Reto Francionis Traum von der weltgrößten Börse ist geplatzt.

Die vom Deutsche-Börse-Chef angeschobene Fusion mit der New Yorker Nyse scheiterte am Mittwoch am Veto der EU-Kommission. "Es ist ein enttäuschender Tag für uns und unsere Aktionäre", sagte der Schweizer bei einer kurzen Pressekonferenz in der Frankfurter Börse. Fragen der Journalisten wollte Francioni, der damit bereits das dritte Mal in sechs Jahren mit seinen Fusionsplänen gescheitert ist, im Anschluss nicht beantworten und verschwand ins Nebenzimmer.

In Brüssel erklärte EU-Wettbewerbskommissar Joaquin Almunia derweil seine Gründe für die Absage. Durch die Fusion wäre ein Monopol im Börsenhandel mit europäischen Finanzderivaten entstanden, sagte der Spanier. Dies hätte der europäischen Wirtschaft erheblichen Schaden zugefügt. Almunia hat sich bei seiner Prüfung auf das Derivate-Geschäft an den Börsen konzentriert und den äußerbörslichen Handel (OTC) sowie den Weltmarkt ausgeklammert. Die Börsenbetreiber hatten bis zuletzt vergeblich gegen diese Festlegung der Kommission gekämpft. "Wir halten die Entscheidung für falsch", betonte Francioni.

Der Konzernchef hatte vor knapp einem Jahr die Fusion angekündigt, die nach aktuellen Börsenkursen noch gut sieben Milliarden Dollar wert gewesen wäre. Nun muss sich sein Unternehmen auf absehbare Zeit alleine im globalen Wettbewerb behaupten. "Wir sind aber der Überzeugung, dass die Deutsche Börse auch eigenständig weiter gute Ergebnisse erzielen wird", sagte Francioni. 2011 sei das Ergebnis deutlich gestiegen - obwohl die Deutsche Börse schon 80 Millionen Euro für das Zusammengehen mit der NYSE ausgegeben habe. Nyse-Chef Duncan Niederauer sagte dem Sender CNBC, er sei "enttäuscht, aber nicht überrascht" über die Entscheidung der EU-Wettbewerbshüter.

"SMALL IS BEAUTIFUL"

Dagegen zeigten sich die Arbeitnehmervertreter der Börse eher erleichtert. Der Betriebsrat hatte befürchtet, dass es nach der Fusion zu einem Ausverkauf des Finanzplatzes Frankfurt kommt. "Wir sind überzeugt, dass die Deutsche Börse auch ohne die angestrebte Fusion mit der Nyse stark genug ist, weiterhin eine bestimmende Rolle als Finanzdienstleister am Finanzplatz Frankfurt einzunehmen", sagte Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier.

Die Ablehnung war erwartet worden, nachdem Almunia schon massive Bedenken geäußert hatte. Auch der hessische Wirtschaftsminister Dieter Posch, dem die Börsenaufsicht untersteht, hatte signalisiert, die Fusion zu blockieren. Am Aktienmarkt wurde die Meldung deshalb gelassen aufgenommen. Die im Dax gelisteten Aktien der Börse legten rund ein Prozent zu, Nyse-Papiere notierten nahezu unverändert.

Experten gehen davon aus, dass Deutsche Börse und Nyse nun auf absehbare Zeit alleine weiter machen werden. "Kleinere Übernahmen etwa in Spanien oder Osteuropa sind denkbar. Große Deals und eine grundlegende Konsolidierung der Branche wird es auf absehbare Zeit aber nicht geben", sagte Analyst Christian Muschick von Silvia Quandt Research. Das Anfang 2011 ausgerufene Branchen-Motto "Big is beautiful" ist zunächst gescheitert. Im vergangen Jahr war bereits die Fusionen der Börsen in Toronto und London gescheitert. Zudem untersagte Australien ein Zusammengehen der heimischen ASX mit der Börse Singapur.

EU SAGT SELTEN NEIN

Deutsche Börse und Nyse hatten versucht, ihre Fusion mit mehreren Zugeständnissen zu retten - unter anderem dem Verkauf von Derivate-Geschäften und der Öffnung ihrer Abwicklungshäuser für Konkurrenten. Der EU ging das nicht weit genug. "Wir haben versucht, eine Lösung zu finden, aber die angebotenen Abhilfemaßnahmen haben bei weitem nicht ausgereicht, um die Bedenken auszuräumen", sagte Almunia. Er bezweifelt zudem, dass die mit der Fusion zu erzielenden Kosteneinsparungen vollständig an die Kunden weitergegeben worden wären.

Für die EU ist die Absage der Fusion kein alltäglicher Vorgang. Seit Beginn der EU-Fusionskontrolle vor 22 Jahren hat sie über fast 4900 Fälle entschieden und nur 21 mal ein Verbot ausgesprochen.