Streik am Frankfurter Flughafen eskaliert

Sonntag, 19. Februar 2012, 16:03 Uhr
 

Frankfurt (Reuters) - Reisende müssen sich zu Wochenbeginn erneut auf Hunderte Flugausfälle in Frankfurt einstellen.

Die Gewerkschaft der Flugsicherung (GdF) kündigte für Montag erstmals einen ganztägigen Streik der Flugfeld-Beschäftigten auf Deutschlands größtem Airport an. Sie drohte zudem mit einer wochenlangen Fortsetzung des Ausstands, der nun in den dritten Tag geht. "Es wird sicherlich weitere Maßnahmen geben, Montag wird nicht der letzte Streiktag bleiben", sagte GdF-Bundesvorstand Markus Siebers der Nachrichtenagentur Reuters am Sonntag. "Wir halten das Wochen aus und durch." Der Flughafenbetreiber Fraport plant für Montag einen Notbetrieb, mit dem wie am vergangenen Donnerstag und Freitag mindestens die Hälfte der Flüge aufrechterhalten werden sollen. Die Lufthansa bietet ihren Kunden kostenlose Stornierungen oder Umbuchungen auf Züge der Deutschen Bahn an. Frankfurt ist mit täglich 1300 Starts und Landungen der zweitgrößte Flughafen in Europa nach London-Heathrow. Wegen des Streiks müssen sich Fraport und Lufthansa auf Millioneneinbußen einrichten.

Erstmals im laufenden Tarifkonflikt sollen die in der GdF organisierten Mitarbeiter von Verkehrszentrale, Vorfeldkontrolle und Vorfeldaufsicht ganztags streiken. Die GdF rief die Beschäftigten auf, die Arbeit von Montag 05.00 Uhr bis Dienstag 05.00 Uhr niederzulegen. Normalerweise starten und landen Flugzeuge in Frankfurt von 05.00 Uhr bis 23.00 Uhr, in der Nacht wird der Betrieb des folgenden Tages vorbereitet. "Die starre Haltung der Fraport AG lässt uns keine andere Wahl, als den Arbeitskampf mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln weiterzuführen", erklärte die GdF. Es habe am Wochenende keinen Kontakt mit Fraport gegeben, um den seit Monaten schwelenden Tarifkonflikt beizulegen. Die Gewerkschafter verlangen deutliche Lohnerhöhungen für die 200 Flugzeug-Einweiser in Frankfurt. Sie beziffert das Volumen ihrer Forderung auf rund fünf Prozent. Die Arbeit der Vorfeld-Kontrolleure sei mit der Eröffnung der vierten Landebahn wesentlich anspruchsvoller geworden. Die Lohnentwicklung habe damit aber nicht Schritt gehalten.

Der Flughafenbetreiber rief die Gewerkschaft zu neuen Gesprächen auf. "Die GdF muss kompromissbereit sein und an den Verhandlungstisch zurückkehren", sagte ein Fraport-Sprecher. Fraport spricht von überzogenen Forderungen der GdF, die auf Gehaltserhöhungen um bis zu 70 Prozent hinauslaufen würden. Ein Kompromissvorschlag des als Schlichter eingesetzten früheren Ersten Hamburger Bürgermeisters Ole von Beust brachte keinen Durchbruch. Die Gewerkschafter hatten den Schlichterspruch angenommen, Fraport hatte ihn jedoch abgelehnt.

Der Streik begann am Donnerstagnachmittag und wurde am Freitag auf die Zeit von 8.00 bis 22.00 Uhr ausgeweitet. Hunderte Flüge wurden gestrichen - vor allem bei der Lufthansa, die in Frankfurt ihre Heimatbasis hat. Am Freitag musste die Kranich-Airline vor allem Flüge innerhalb Deutschlands und Europas annullieren, insgesamt etwa 250 Verbindungen. Am Montag dürften hingegen nur noch 200 Flüge ausfallen, sagte ein Lufthansa-Sprecher. Der Notbetrieb am Flughafen habe sich mittlerweile eingespielt, weshalb die Zahl der Annullierungen sinke. Langstrecken-Flüge seien nicht betroffen. Fraport und Lufthansa veröffentlichten auf ihren Internetseiten für Flugreisende aktuelle Informationen zu Annullierungen, die auch noch für Dienstagmorgen erwartet wurden.

Durch den Streik am Donnerstag und Freitag gingen Fraport nach eigenen Angaben zusammen 3,5 bis vier Millionen Euro Umsatz verloren. Die Lufthansa büßte nach Analystenschätzungen an den beiden Tagen insgesamt 40 Millionen Euro an Umsatz ein.

Die Flugfeld-Beschäftigten sorgen etwa dafür, dass Jets die richtige Parkposition finden. So kann eine kleine Gruppe nun einen Riesen-Airport mit 70.000 Mitarbeitern teilweise außer Gefecht setzen. Lufthansa und Fraport hatten sich daher bereits auf den Streik vorbereitet und zusätzliches Personal für die Arbeit auf dem Flugvorfeld geschult, nachdem auch der letzte Vermittlungsversuch in dem Tarifstreit Anfang Februar gescheitert war.

ARBEITGEBERVERBAND RUFT NACH GESETZGEBER

Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt kritisierte die Haltung der Frankfurter Vorfeld-Beschäftigten scharf. "Die Vorfeldlotsen missbrauchen die Entscheidung des Bundesarbeitsgerichts vom Sommer 2010, mit der das Gericht den Grundsatz der Tarifeinheit aufgegeben hat", sagte Hundt der "Bild am Sonntag". Der Arbeitgeberchef warf der relativ kleinen Berufsgruppe Erpressung vor, um "egoistisch Lohnerhöhungen von sage und schreibe 50 bis 70 Prozent" zu erreichen. Damit würde die Friedenswirkung des Tarifvertragssystems untergraben. "Wenn der Gesetzgeber nicht bald handelt und die Tarifeinheit wiederherstellt, drohen Nachahmer", sagte Hundt. Das Bundesverkehrsministerium wollte sich am Sonntag nicht zu dem geplanten Streik äußern und verwies auf die Tarifautonomie.