27. März 2011 / 09:11 / vor 7 Jahren

Messfehler schürt Angst vor Super-Gau in Fukushima

Tokio (Reuters) - Der Betreiber des japanischen Unglücks-AKW Fukushima hat mit falschen Messwerten im In- und Ausland die Angst vor einem Super-Gau weiter geschürt.

<p>Demonstration gegen Atomkraft in Tokio am 27. M&auml;rz 2011. REUTERS/Toru Hanai</p>

Der Energierkonzern Tepco nahm am Sonntagabend Angaben über einen dramatischen Anstieg der radioaktiven Strahlung in Reaktor zwei wieder zurück, die zuvor die Unsicherheit über das Ausmaß der Atomkatastrophe wachsen ließen. Die Strahlung sei zwar besorgniserregend hoch, aber nicht so hoch wie zunächst angenommen, sagte der Vizepräsident des Unternehmen, Sakae Muto. Die Radioaktivität im Wasser im Turbinengebäude sei 100.000 Mal höher als normal und nicht zehn Millionen Mal wie am Morgen vermeldet. Wegen der hohen Werte waren die fieberhaft an einer Reparatur des Meilers arbeitenden Techniker abgezogen worden. Auch im Meerwasser vor dem durch das Beben und den Tsunami schwer beschädigten Atomkraftwerk wurde ein Anstieg der Radioaktivität gemessen.

Muto entschuldigte sich für den Fehler. “Es tut mir sehr leid”, sagte der Tepco-Manager zu der neuen Panne des Konzerns, der für sein Krisenmanagement und wegen mangelhaften Wartungen in der Kritik steht. “Ich werde sicherstellen, dass solche Fehler nicht mehr vorkommen.” Zuvor war in der Anlage eine Strahlung gemessen worden, die tödlich sein kann. Die UN-Atomaufsicht IAEA zeigte sich daraufhin besorgt. “Das ist ein nach allen Maßstäben sehr schwerer Unfall”, sagte der Generaldirektor der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA), Yukiya Amano, der “New York Times”. Tepco betonte aber, dass das radioaktive Jod eine Halbwertszeit von weniger als einer Stunde habe. Das bedeutet, dass es innerhalb eines Tages zerfällt. Am Donnerstag waren in Fukushima drei Techniker verstrahlt worden. Sie waren in einem anderen Reaktor mit Wasser in Berührung gekommen, das eine 10.000-fache Strahlung aufwies.

Unklar war zunächst, wann die abgezogenen Techniker aufgrund der korrigierten Messwerte ihre Arbeiten wieder aufnehmen konnten. Die seit der Naturkatastrophe vor mehr als zwei Wochen laufenden Versuche, die Anlage rund 240 Kilometer nördlich von Tokio unter Kontrolle zu bringen, mussten immer wieder wegen Explosionen oder gefährlichen Strahlungswerten unterbrochen werden. In der Luft außerhalb der Evakuierungszone rund um Fukushima und in der Millionenmetropole Tokio wurde am Sonntag keine erhöhte Radioaktivität festgestellt. Die radioaktive Verseuchung des Meerwassers vor der havarierten Anlage stieg aber noch einmal: Tests der japanischen Atomaufsicht ergaben eine um das 1850-fache erhöhte Belastung durch radioaktives Jod. Am Vortag war die Belastung noch um das 1250-fache erhöht.

UN-ATOMAUFSICHT: KRISE KANN NOCH MONATE DAUERN

IAEA-Chef Amano sagte, die Krise sei noch nicht überstanden. Sie könne vielmehr noch Wochen oder gar Monate dauern. Schließlich seien sich die Behörden noch immer nicht sicher, ob die Reaktorkerne und verbrauchten Brennstäbe mit ausreichend Wasser zum Kühlen bedeckt seien. Zumindest ein gutes Zeichen sei, dass die Stromversorgung der Anlage teilweise wiederhergestellt sei. “Aber um die Krise zu überwinden, muss mehr getan werden”, sagte der Japaner. Er betonte, dass dies aber nicht als Kritik an der Regierung gemeint sei.

Die IAEA schickte in den vergangenen zwei Tagen zwei weitere Expertenteams nach Japan. Sie sollen den Behörden helfen, die Strahlung zu messen und eine mögliche Verseuchung von Lebensmitteln im Blick zu behalten. Vor dem Hintergrund des zunehmend verstrahlten Meerwassers versuchte die japanische Atomaufsicht am Samstag, die wachsenden Sorgen in der Bevölkerung zu dämpfen. Die Verstrahlung stelle nur ein geringes Risiko für das Leben im Ozean dar, hieß es. Durch die Meeresströmung würden die strahlenden Partikel weggeschwemmt und verdünnt, bevor Fische und Algen sie aufnehmen könnten.

Dennoch dürften die Messergebnisse Ängste in Japan und darüber hinaus schüren - vor radioaktiv verseuchten Lebensmitteln und unkontrollierbaren Folgen der Atomkraft generell. UN-Generalsekretär Ban Ki Moon stellte sich hinter Forderungen, weltweit die Reaktorsicherheit unter die Lupe zu nehmen.

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