REPORTAGE-Turbohändler geraten im Wahlkampf zwischen die Fronten

Mittwoch, 13. Februar 2013, 11:53 Uhr
 

Frankfurt/Berlin (Reuters) - Bis zum späten Nachmittag ist es ein ruhiger Tag an der Frankfurter Börse.

Doch als sich die ersten Händler bereits auf den Feierabend vorbereiten, fällt der Dax plötzlich wie ein Stein. Innerhalb weniger Minuten stürzt der deutsche Leitindex um vier Prozent ab. Erkennbare Gründe gibt es nicht und schnell machen am Markt allerlei Theorien die Runde, was für den Einbruch verantwortlich sein könnte. Auch die Hochfrequenzhändler geraten in Verdacht, den Absturz ausgelöst oder zumindest verstärkt zu haben.

Doch alle Verschwörungstheorien, die am 25. August 2011 kursieren, sind falsch. Ausgelöst hat die Talfahrt ein einziger institutioneller Investor. Er glaubte nicht mehr an eine positive Entwicklung des Dax und warf deshalb innerhalb weniger Minuten rund 6000 Dax-Futures auf den Markt, wie aus Daten der Deutschen Börse hervorgeht. Sie zeigen auch, dass Hochfrequenzhändler den Markt in dieser kritischen Situation nicht geschwächt, sondern stabilisiert haben. "Sie haben nicht nur verkauft, sondern waren die gesamte Zeit auch auf der Käuferseite aktiv - besonders am Tiefpunkt", sagt Börsen-Manager Randolf Roth. "Hochfrequenzhändler haben den Abschwung damit gebremst und dann zum Umschwung beigetragen."

Roth kann sich nicht erinnern, dass Turbohändler in Deutschland jemals Schwankungen ausgelöst oder gravierende Probleme verursacht haben. "Die großen Verkaufsaufträge, die den Markt bewegen, kommen nie von Hochfrequenzhändlern." Die öffentliche Kritik, die seit Monaten auf die Branche einprasselt, kann er genauso wenig verstehen wie Forderungen aus der Politik nach einer Entschleunigung der Märkte. Die meisten Finanzmanager in Frankfurt sehen das ähnlich. Das geplante "Gesetz zur Vermeidung von Gefahren und Missbräuchen im Hochfrequenzhandel", an dem Politiker in Berlin derzeit letzte Hand anlegen, ist aus ihrer Sicht bestenfalls überflüssig und schlimmstenfalls schädlich.

DEUTSCHLANDS ALLEINGÄNGE

Der wahre Grund für das Gesetz sei ohnehin die bevorstehende Bundestagswahl, sind Finanzmanager und Experten überzeugt. "Die SPD will einen Wahlkampf gegen die Kapitalmärkte führen und die Bundesregierung möchte mit etwas dagegenhalten - das ist politisches Theater", sagt Hans-Peter Burghof, Finanzmarktexperte von der Universität Hohenheim. Auch sein Kollege Martin Faust von der Frankfurt School of Finance geht nicht davon aus, dass das Hochfrequenzhandelsgesetz oder der jüngste Vorstoß zur Abtrennung riskanter Bankgeschäfte große Auswirkungen auf die Finanzbranche haben werden. "Ich halte das für Aktionismus mit Blick auf den Wahlkampf - besonders wenn man sieht, zu welchem Zeitpunkt und mit welcher Geschwindigkeit die Gesetze auf den Weg gebracht wurden."

Die Finanzexperten der schwarz-gelben Koalition weisen solche Vorwürfe weit von sich. Schließlich habe sich Deutschland im Kreis der 20 größten Industrie- und Schwellenländer (G20) verpflichtet, dass künftig kein Markt, kein Akteur und kein Finanzprodukt mehr unreguliert sein darf. Diese Lehre hat die G20 aus der Finanzkrise 2008 gezogen, die den Steuerzahler Unsummen gekostet und die Staatshaushalte etlicher Länder schwer belastet hat. Die Politik will jedes Risiko ausschließen, dass sich ein solcher Finanz-GAU wiederholen kann - und nimmt deshalb nun auch den Hochfrequenzhandel ins Visier.

Bei Hochfrequenzhändlern handelt es sich um öffentlichkeits-scheue Wesen. Manche arbeiten bei großen Finanzkonzernen, andere in kleinen Firmen mit einigen Dutzend Mitarbeitern. Viele von ihnen sind Mathematiker oder Physiker - und agieren am liebsten unterhalb der Wahrnehmungsschwelle. Wer sie in ihren Büros besuchen will, erhält reihenweise Absagen. Wer einen Blick auf ihre Hochleistungsrechner werfen will, der kommt sich vor wie in einem Geheimgefängnis der CIA.

BLINKENDE KNÖPFE UND UNZÄHLIGE KABEL   Fortsetzung...

 
Traders in carnival costumes pose for pictures in front of the DAX board at the Frankfurt stock exchange February 12, 2013. REUTERS/Remote/Janine Eggert (GERMANY - Tags: BUSINESS) - RTR3DOHZ