Inland | Montag, 3. Dezember 2012, 13:44 Uhr

INSIGHT-Phänomen Merkel - Goldener Herbst einer Kanzlerin

Berlin Die Situation ist ungewohnt, Angela Merkel wirkt unsicher. Gerade hat sich die CDU-Vorsitzende nach ihrer knapp halbstündigen Rede in der stickigen Halle in Bad Fallingbostel hingesetzt.

Jetzt steht sie vorne auf der Bühne wieder auf, winkt in die Menge: Dann ringt sie sichtlich mit sich, wie lange sie nun stehen bleiben soll angesichts der Szene vor ihr. Denn in der Heidmark-Halle in der tiefen niedersächsischen Provinz erlebt die ostdeutsche Politikerin etwas, was ihr so fremd ist wie kaum etwas anderes - eine politische Heldenverehrung. Mehr als 1800 CDU-Mitglieder bereiten ihr minutenlange stehende Ovationen, johlen und klatschen.

Dabei ist nichts Besonderes passiert. Eigentlich ist Merkel nur wieder auf einer CDU-Regionalkonferenz unterwegs, um vor dem CDU-Bundesparteitag Anfang Dezember in Hannover Witterung für die Stimmung in der Partei aufzunehmen. Zweieinhalb Stunden Basis-Schnuppern, dann würde sie nach ihrem "Merkel-on-Tour"-Auftritt zurück nach Berlin jagen. 2011 hatte die CDU-Vorsitzende auf diesen Touren noch die Alarmzeichen für den Unmut über den fehlenden Mindestlohn wahrgenommen. 2012 lassen die Huldigungen, die Merkel derzeit auf fast allen Parteitreffen einsammelt, eigentlich nur eine Erwartung für den CDU-Parteitag nächste Woche zu: Sicher, es wird auch kontroverse Debatten etwa über die Besserstellung von Müttern in der Rentenversicherung geben. Aber der Parteitag wird ein knappes Jahr vor der Bundestagswahl zu einer Krönungsmesse Merkels zur Königin der Partei, Deutschlands, ja Europas werden.

Tatsächlich befindet sich die 58-Jährige aus Sicht von Freund und Feind am Ende des siebten Jahres ihrer Kanzlerschaft auf dem Zenit ihrer Macht. Merkel durchlebt einen Goldenen Herbst, weil ihr viele Entwicklungen gewollt oder ungewollt in die Hände spielen - das fängt schon mit den immer noch sprudelnden Steuereinnahmen an, die das Regieren erkennbar angenehmer machen. Ihre persönlichen Umfragewerte sind mit 68 Prozent Zustimmung im ARD-Deutschlandtrend Anfang November so hoch, dass die Union in Bund und Ländern für das Super-Wahljahr 2013 vor allem auf eines setzt - Merkel. Selbst frühere Kritiker räumen ein, dass vor allem sie die Union in Umfragen bundesweit auf fast 40 Prozent hoch gezogen hat. Landesfürsten wie David McAllister und selbst der eigensinnige CSU-Chef Horst Seehofer, die im nächsten Jahr Landtagswahlen überstehen müssen, setzen dabei unverhohlen auf den "Merkel-Effekt".

Nichts fasst die derzeitige Stimmung so gut zusammen wie jener kleine abendliche Auftritt Merkels am 21. November, als sie in Berlin-Mitte das Redaktionsfest der "Rheinischen Post" besucht. Dort scherzt sie mit SPD-Größen wie Hannelore Kraft und Sigmar Gabriel oder mit Grünen-Politikerinnen wie Silvia Löhrmann. Begrüßt wird sie mit der Bemerkung "Und die Kanzlerin fliegt in einer Art gepanzertem Raumschiff mit ihrer CDU Richtung 45 Prozent". Gelächter im Saal, die Kanzlerin schaut erst irritiert, dann amüsiert, bevor sie für ihre Umgebung deutlich hörbar und spöttisch murmelt: "Endlich sagt's mal einer."

DAS CHAOS UND DIE KANZLERIN

Der 5. November, ein trüber Montagmorgen um kurz nach zwei Uhr morgens, im Foyer des Kanzleramts: Hier spielt sich eine Szene ab, die illustriert, warum das "Raumschiff Merkel" derzeit fliegt. Drei müde Generalsekretäre von CDU, CSU und FDP geben sich sichtlich Mühe, vor laufenden Kameras die Ergebnisse des wohl letzten wichtigen Koalitionsgipfels in dieser Legislaturperiode in rosigen Farben zu schildern. An der folgenden kritischen Berichterstattung über den "Kuhhandel" mit der Abschaffung der Praxisgebühr und der Einführung des Betreuungsgelds wird der Auftritt des Trios nichts ändern. Aber: Auf den Bildern, die in den Köpfen der Menschen bleiben werden, ist eine Person nie zu sehen - Gastgeberin Merkel.

Es ist Teil ihrer Strategie, sich in der Wahrnehmung immer weiter über die Niederungen der Koalitionsarbeit und des Parteienstreits zu erheben. "Frau Bundeskanzlerin, wir haben in Schloss Bellevue bereits einen Präsidenten", giftet SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück deshalb zwar im Bundestag in der Generaldebatte zum Haushalt 2013. Aber die Kritik ficht Merkel ebenso wenig an wie die desaströsen Umfragen für die Arbeit ihrer schwarz-gelben Koalition. Denn Steinbrück beschreibt im Prinzip nur ihre Stärke.

Ganz offensichtlich profitiert sie im öffentlichen Ansehen durch die weitgehende Distanzierung von einem bei Wählern als unangenehm oder nervig empfundenen Parteiengezänk - das letztlich aber nur zwangsläufige Folge von Koalitionsregierungen und der Machtteilung zwischen Bundestag und Bundesrat ist. Konsensbedürfnis und Verfassungswirklichkeit passen in Deutschland traditionell nicht zueinander, das hat Merkel nach ihrem Politik-Blitzstart nach der Wende gemerkt. Deshalb fahren kluge Kanzler immer besser mit einem präsidialen Regierungsstil.

Gerade durch ihre oft abwartende Haltung wird Merkel als Bastion der Vernunft zwischen einer ums Überleben kämpfenden FDP und der immer auf den Machterhalt in Bayern schielenden Regionalpartei CSU empfunden. Dabei scheut sie bei ihren Auftritten quer durch die Republik nicht einmal, sich auch für das umstrittene Projekte wie das Betreuungsgeld einzusetzen. Im Gegenteil: Sie verkauft die Entscheidung auf CDU-Treffen ein ums andere Mal offensiv als Beitrag zur Wahlfreiheit von Eltern neben dem Krippenausbau und fügt gleich hinzu, sie wisse, dass dies auch parteiintern umstritten sei. Doch während die gesenkte Mehrwertsteuer für Hoteliers an der FDP als Geschenk für die eigene Klientel kleben bleibt, perlen umstrittene Entscheidungen der schwarz-gelben Koalition von der Kanzlerin ab. "Dass sie in diesem Bündnis fast zwangsläufig als 'Stimme der Vernunft' wahrgenommen wird, ist jenseits der inhaltlichen Ebene übrigens ein wichtiger Grund für ihr Plädoyer für eine Fortsetzung der schwarz-gelben Koalition", erklärt ein CDU-Präsidiumsmitglied.

Merkel hilft bei dieser Abkoppelung noch eine andere Entwicklung. Sicher erfordern schon die Energiewende und die Euro-Politik weiter echte Regierungsarbeit. Aber ein Jahr vor der Bundestagswahl scheint zum einen klar, was angesichts des Widerstandes der FDP (Mindestlohn) und der SPD (Kalte Progression, energetische Gebäudesanierung, Schweizer Steuerabkommen) nicht mehr umgesetzt werden kann. Zum anderen scheint die Kanzlerin zu einer erstaunlichen Einsicht gekommen zu sein: Weitere große Reformen noch vor den Wahlen würden ihr nichts nutzen. "Dafür wählt uns nämlich kein einziger Wähler", betont sie Anfang November auf dem Landesparteitag der mecklenburg-vorpommerischen CDU in Sternberg, ihrer politischen Heimatbasis, in bemerkenswerter Offenheit.

Sicher feiern die sonst eher klatsch-müden Koalitionsfraktionen Merkel dafür, wenn sie in der Haushaltsdebatte plötzlich zur Verblüffung aller sagt: "Diese Bundesregierung ist die erfolgreichste Bundesregierung seit der Wiedervereinigung." Aber mehrfach hat sie ihre Truppen in den letzten Wochen gemahnt: "Die Menschen wollen vor allem vielmehr wissen, wie es weitergeht." Das sieht auch einer der neuen CDU-Granden so, der nordrhein-westfälische Landesvorsitzende und designierte Partei-Vize Armin Laschet: "Wir müssen einen Wahlkampf führen, der sich nicht auf die Leistungen der Vergangenheit stützt - so verdienstvoll Angela Merkel in der Eurokrise auch gewirkt hat", sagte er jüngst in einem Interview.

Längst listet Merkel in ihren Auftritten also auf, was Teil des Wahlprogramms werden soll. Schon vor Monaten hat sie zudem einen intensiven Dialog mit Bürgern über Telefonschalten, Internet und Bürgerversammlungen angestoßen, der nur ein Ziel hat - ihre Ideen für die zukünftige Arbeit zu vermitteln. Das hat ihr ein Gespür vermittelt, dass sich die Menschen längst um die alltäglichen Folgen des demografischen Wandels und einer nur mangelhaften Integrationspolitik in Deutschland sorgen.

Die Formulierung "in den kommenden fünf oder zehn Jahren" taucht mittlerweile in fast jeder Merkel-Rede auf. Die Botschaft ist klar: Auch nach sieben Jahren wird die Kanzlerschaft Angela Merkels nicht enden. Denn: Die Kanzlerin muss noch den Euro endgültig krisensicher machen, die Energiewende vollenden und den demografischen Wandel bewältigen. Merkel, die Unvollendete.

Eines will die Kanzlerin auf keinen Fall: Enden wie der konservative österreichische Bundeskanzler Wolfgang Schüssel, der in etwa die Blaupause für die CDU-Strategen geworden ist, wie man es nicht machen soll. Auch Schüssel genoss hohe Zustimmungswerte, wurde aber dennoch 2006 aus dem Amt gefegt, weil die Österreicher nach der Analyse der Demoskopen nicht wussten, warum sie ihn trotz aller Sympathie für eine weitere Amtszeit wählen sollten.

SCHWACHE GEGNER IN DER UNION

Merkels Umfragen-Höhenflug wird aber auch dadurch begünstigt, dass die seit 2000 amtierende CDU-Vorsitzende nicht mehr mit ernsthafter parteiinterner Kritik zu kämpfen hat. Die Aufstände der Landesfürsten sind mit dem Ausscheiden der starken oder vermeintlich starken CDU-Ministerpräsidenten Vergangenheit. Der Vorwurf der Konservativen während der Großen Koalition, Merkel habe das Profil der Partei verraten, ist folgenlos verhallt, der des Wirtschaftsflügels ebenso. "Innerparteilich gibt es keine Konkurrenz mehr für sie", beobachtet Mike Mohring, Vorsitzender der CDU-Landtagsfraktion in Thüringen. "Das hat den positiven Nebeneffekt, dass inhaltliche Debatten in der Union heute nicht mehr mit der Machtfrage verbunden sind - und deshalb viel ruhiger geführt werden können."

Die Parteivorsitzende kann daher auch viel leichter die Position einnehmen, die sie am liebsten mag - die der "Mitte", wo auch immer das in der Volkspartei gerade sein mag. Wohl nur deshalb konnte Merkel die Kurskorrekturen der Partei weg von eigentlich identitätsstiftenden Themen wie der Wehrpflicht, der Atomkraft, von Steuersenkungen und hin zu einem flächendeckenden Mindestlohn durchsetzen und politisch überleben. Nicht ohne Grund erwähnt Merkel bei jeder Parteitagsrede die drei Wurzeln "christlich, liberal, konservativ" - was ihr eine extreme Flexibilität bei der Anpassung der Parteilinie an die sich schnell ändernde Gesellschaft oder auch nur den Zeitgeist ermöglicht.

Wie schwach die innerparteiliche Opposition heute ist, zeigt ein Auftritt der im "Berliner Kreis" organisierten Konservativen an einem kühlen Herbsttag. Im Hotel Berlin, nur ein Steinwurf vom Konrad-Adenauer-Haus entfernt, hat sich ein Quintett Krawatten tragender Männer um den hessischen CDU-Fraktionschef Christean Wagner versammelt. Der Raum ist voller Journalisten, die gespannt den lange erwarteten Aufstand der Konservativen beobachten wollen. "Wir sind keine Selbsthilfegruppe für enttäuschte Konservative", beginnt Wolfgang Bosbach, Vorsitzender des Innenausschusses des Bundestags, dann aber. Es folgt die Vorstellung eines sehr allgemeinen Manifests, das die meisten Kommentatoren später rätseln lässt, was "konservativ" eigentlich heißen soll. Dann beteuern Wagner und Bosbach, dass sich ihre Arbeit natürlich nicht gegen die "Große Vorsitzende" richtet. Die Revolte fällt aus.

Ohnehin läuft die parteiinterne Debatte durch den Grünen-Sieg bei der Oberbürgermeister-Wahl in Stuttgart längst in eine andere Richtung, die voll auf Linie der Merkelschen Philosophie der permanenten Anpassung und Modernisierung liegt. Denn plötzlich mahnen Legionen von Leitartiklern und Unions-Politiker ein stärkeres städtisches Profil der Volkspartei an, mehr Toleranz für andere Lebens- und Liebesformen, mehr Offenheit für Migranten. Sogar die CSU-Politikerin Dagmar Wöhrl fordert plötzlich einen "urbanen Masterplan". Und Merkel reagiert: Ihr Generalsekretär Hermann Gröhe stellt in aller Eile eine migrationspolitische Plattform zusammen und kündigt für den Bundesparteitag den Einzug von mindestens drei Politikern mit Migrationshintergrund in die Spitzengremien der CDU an.

Eben noch wegen der Verwischung aller Konturen der Union gescholten, kann Merkel im Kanzleramt also amüsiert verfolgen, dass nun von ihr gefordert wird, sie solle alte programmatische Zöpfe der CDU noch schneller abschneiden. Ohne dass sie sich inhaltlich groß bewegt, erscheint sie nun plötzlich mit ihrem Widerstand etwa gegen eine verpflichtende Frauenquote für Unternehmen, ihrem Plädoyer für das Betreuungsgeld wieder konservativer und näher an der Position Bosbachs, der warnt: "Wir müssen aufpassen, dass wir nicht auf der Suche nach zwei Neuwählern drei Stammwähler verlieren."

Den Schluss, den die meisten CDU-Mitglieder aus ihrer eigenen Verunsicherung und den gleichzeitigen Top-Ratings für Merkel ziehen, lässt sich nach Ansicht des Politikwissenschaftlers Gerd Langguth am besten zur Formel "Merkel macht das schon" zusammenzufassen. "Solange Sie an der Spitze sind, bin ich beruhigt", bringt ein Teilnehmer auf der CDU-Regionalkonferenz in Schwerin diese Haltung auf den Punkt. Die CDU heute IST Merkel, die Union längst wieder der viel beschworene Kanzler(innen)-Wahlverein.

Die Kanzlerin selbst scheint damit kein Problem zu haben. Nach sieben Jahren als Regierungschefin mit zwei unterschiedlichen Koalitionen gibt sie verunsicherten Parteifreunden etwa in Mecklenburg-Vorpommern mit auf den Weg: "Ich kann Ihnen nur eine Erfahrung nennen, die mein politisches Leben bestimmt hat: Wenn Entscheidungen gefallen sind, hat es keinen Sinn, seine gesamte Zeit mit der Frage zu verbringen, ob sie richtig oder falsch war." Es gehe nur darum, nach einer Entscheidung das Beste daraus zu machen.

DIE SCHWÄCHE DER KONKURRENZ IN DEUTSCHLAND

Dieselbe Distanz wie zur Koalition hat Merkel auch zur Opposition aufgebaut. Nichts zeigt dies besser als die demonstrative Missachtung des designierten SPD-Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück. Merkel erwähnt ihn in Reden mit keinem Wort, als würde der Aufwand nicht lohnen. Redet er im Bundestag über Europa oder Betreuungsgeld, sitzt sie zwar auf der Regierungsbank, schaut aber stoisch an ihm vorbei ins Plenum. Das parteipolitische Scharmützel überlässt sie ihren Offizieren wie Gröhe oder Unions-Fraktionschef Volker Kauder. Das kann sich Merkel leisten, weil die Ausrufung des SPD-Kanzlerkandidaten nicht wirklich gezündet hat. In Umfragen ist Steinbrück nach einem kurzen Hoch wieder weit hinter sie zurückgefallen. Wegen seiner Honorardebatte gilt er selbst in der SPD derzeit weniger als Hoffnungsträger denn als Klotz am Bein.

Das Verblüffende ist auch hier, dass Merkel vor allem durch Zurückhaltung punktet. Zum einen mögen die Deutschen nach Ansicht der Demoskopen das in den USA übliche "negative campaigning" nicht. Zum anderen ist Merkel aber automatisch die Vergleichsfläche für jeden Herausforderer. Steinbrücks Honorare erscheinen vor allem deshalb als Problem, weil die meisten Wähler offenbar glauben, dass die uneitel wirkende Merkel nicht in ähnlicher Weise abkassieren würde. Auch Oppositionspolitiker räumen ein, dass ihr eher Attribute wie preußische Tugenden und absoluter Arbeitseifer zugeschrieben werden.

Während Steinbrück in der "Frankfurter Rundschau" oder der "Süddeutschen Zeitung" als aufbrausend und empfindlich beschrieben wird, hat sich Merkel Respekt dafür erarbeitet, dass sie mit stoischer Ruhe Tiefschläge der männlichen Politiker-Garde einstecken kann - um dann in aller Ruhe und Stille zurückzuschlagen. Erstmals demonstrierte sie dies auf öffentlichem Parkett am Wahlabend 2005: Ein nur denkbar knapp unterlegener Gerhard Schröder polterte, während die CDU-Chefin zwar blaß wurde, aber äußerlich gelassen blieb. Aber am Ende wurde doch sie Kanzlerin.

"Sie ist ruhig, sehr sachbezogen, in die wichtigen Themen eingearbeitet und zugleich bereit zur Selbstbehauptung." So beschreibt die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" den Stil und die neue Popularität von Politikerinnen wie Merkel, CSU-Landesgruppenchefin Gerda Hasselfeldt oder der Grünen Katrin Göring-Eckardt. Der "Spiegel" spricht von einer "Testosteron-Falle", in die Steinbrück tapse, weil er sich auch noch mit geltungsbewussten männlichen Beratern umgebe - während Merkel auf "stille Dienerinnen" setze.

Zudem praktiziert Merkel erfolgreich die Strategie, den Gegner zu umarmen statt ihn zu attackieren. Systematisch lobt sie mittlerweile die Agenda-2010-Beschlüsse der rot-grünen Regierung, was offenbar auch in der SPD Spuren hinterlässt. "Ich fand es eine große Geste, dass Merkel im Europäischen Parlament ausdrücklich darauf hinwies, dass der Erfolg Deutschlands auch auf die Arbeit der Vorgängerregierungen zurückzuführen ist", betont etwa der Präsident des Europäischen Parlaments, der SPD-Spitzenpolitiker Martin Schulz, am 9. November in einer Rede in Berlin. Auch SPD-Chef Sigmar Gabriel oder der frühere Kanzler Schröder unterlassen mittlerweile alle persönlichen Angriffe aus Merkel.

UNUMSTRITTENE FÜHRUNGSFIGUR IN EUROPA

Ein dritter Grund für Merkels Höhenflug ist die Entwicklung in Europa. Spätestens seit dem Spätsommer erscheint die Kanzlerin unangefochten als diejenige, die in dem komplizierten Klub aus 27 Staaten und EU-Institutionen noch am ehesten die Fäden in der Hand hält. Das wird spürbar, wenn man die Gruppendynamik etwa auf dem EU-Sondergipfel zum Finanzrahmen bis 2020 am vergangenen Freitag beobachtet. Als die Kanzlerin den Tagungssaal im EU-Ratsgebäude betritt, scharen sich ihre Kollegen um sie. Wenn Merkel redet, ist es nach Angaben von Teilnehmern im Kreise der 27 Kollegen mucksmäuschenstill. "Immer stärker wollen alle vor allem wissen: Wo stehen die Deutschen?" beschreibt ein enger Mitarbeiter von EU-Ratspräsident Herman Van Rompuy diese Entwicklung.

Vor dem Sommer sah das noch ganz anders aus. Der französische Sozialist Francois Hollande hatte in der Euphorie seines Wahlsieges eine Politikwende in der ganzen EU verkündet. Frohlockend war damals die SPD-Troika nach Paris gereist, um sich im Elysee-Palast mit dem vermeintlichen neuen Verbündeten zum Sturz der Kanzlerin zu treffen. Italiens Ministerpräsident Mario Monti ließ sich auf dem EU-Gipfel im Juni kurz als Sieger feiern, der gegen die Deutschen eine Vergemeinschaftung der Schulden durchgesetzt habe.

Doch heute ist davon ebenso wenig geblieben wie von der einstigen Augenhöhe zwischen Deutschland und Frankreich. Frankreichs Präsident steht innenpolitisch wegen steigender Arbeitslosenzahlen und schlechter Konjunkturaussichten unter Druck. Der "Economist" bezeichnet Frankreich als tickende Zeitbombe in Europa, der vermeintliche Hoffnungsträger ist längst Sorgenkind der Euro-Gruppe geworden. Hollandes Zustimmungswerte rauschen so schnell in den Keller wie bei keinem französischen Präsidenten zuvor. Nun muss er sich sogar vom früheren SPD-Kanzler Schröder öffentlich auffordern lassen, er solle endlich mit nötigen Strukturreformen beginnen - mit genau denen, für die Merkel die SPD und die Grünen lobt.

Zudem hat Merkel aus der Hasswelle gelernt, die ihre Politik quer durch Südeuropa ausgelöst hat. Seit der Sommerpause hat die Kanzlerin ihre Strategie erkennbar geändert und geht nun nicht nur beim Thema der EU-Integration, sondern auch kommunikativ in die Offensive. Plötzlich reist sie nach Portugal, Spanien, Italien und selbst nach Griechenland. Auch wenn die Atmosphäre beim Besuch in Athen im September angesichts eines gigantischen Polizeiaufgebots gespenstisch ist: Zwei Ziele hat Merkel nach Ansicht der Beobachter erreicht.

Zum einen wirken die Besuche der Dämonisierung der Kanzlerin entgegen. "Ich möchte mich ganz herzlich bei der deutschen Bundeskanzlerin bedanken", flötete Griechenlands Ministerpräsident Antonis Samaras. "Ich möchte der Bundeskanzlerin Angela Merkel noch einmal dafür danken, dass sie Portugal oft und zu vielen Gelegenheiten geholfen hat", betonte auch der Portugiese Pedro Passos Coelho. Merkel ihrerseits stellt vor den griechischen Medien klar: "Ich will, dass Griechenland Teil des Euro-Raums bleibt. Daran arbeite ich."

Zum anderen hat die Aufmerksamkeit für den Besuchsreigen der Kanzlerin ganz nebenbei klar gemacht, dass es eigentlich nur noch ein Machtzentrum in Europa gibt. Systematisch versucht Merkel dabei, Deutschland aus der Rolle des wahrgenommenen Zuchtmeisters wieder in eine des anerkannten Vermittlers und Wahrers des EU-Allgemeinwohls zu lenken. Deutschland will seine Schäfchen beisammen halten und hegen - egal ob es um die Randstaaten Griechenland oder Großbritannien geht.

Der britische Premierminister David Cameron stellt sich mit seiner anti-europäischen Rhetorik auf dem Kontinent zunehmend ins Abseits. Doch Merkel demonstriert auf dem EU-Sondergipfel zum Finanzplan bis 2020 allen Seiten ihre Nähe zu dem Briten. "Wir wollen eine Lösung zu 27 erreichen", betont sie und erteilt damit allen eine Absage, die darauf gesetzt haben, dass nun auch Deutschland die Briten fallenlässt. Wieder erscheint sie als Mittlerin zwischen egomanischen oder führungsschwachen Männern, gerade weil sie ihren eigenen Ärger über die britische Politik zum Wohle des großen Ganzen herunterschluckt.

DIE STIMME EUROPAS IN DER WELT

Dass Merkel außerhalb Europas ohnehin längst ihren Zenit erreicht hat, beweist nicht nur, dass die US-Zeitschrift "Forbes" sie erneut zur mächtigsten Frau der Welt gekürt hat. "Wohl noch nie ist Deutschland derart oft und positiv in den TV-Debatten der Präsidentschaftskandidaten erwähnt worden", meint der Direktor der NRW School of Governance, Karl-Rudolf Korte, nachdem er wochenlang in den USA den Wahlkampf beobachtet hatte. Der Grund liege vor allem darin, dass die Bundesregierung dem Süden Europas beharrlich eine neue Fiskal- und Wirtschaftspolitik aufdrücken wolle. "Merkel wird deshalb als die klare Führerin Europas wahrgenommen." Ein hoher EU-Diplomat drückt es anders aus: "Henry Kissingers Frage nach der einen Telefonnummer in Europa ist doch längst beantwortet - sie hat eine Berliner Vorwahl." Und sie endet im Kanzleramt, in dem auch Chefs großer US-Firmen regelmäßig ihre Aufwartung machen.

Egal, wohin Merkel reist oder mit wem sie spricht: In Peking, Moskau, in Brasilia oder Washington wird sie als "Mrs. Europe" behandelt, was allerdings mit der klaren Erwartung verbunden wird, dass sie den Club der Schuldenstaaten endlich auf Vordermann bringt. "Die EU-Kommission hat eine Reihe von wichtigen Maßnahmen auf den Weg gebracht, die sowohl die Symptome als auch die Ursachen bekämpfen. Deutschland hat dabei eine sehr wichtige Rolle gespielt", betonte Chinas Ministerpräsident Wen Jiabao im August. Merkel erntet aber nicht nur Begeisterung. Die Forderung von US-Präsident Barack Obama, die Wirtschaft in der EU mit noch mehr Schulden anzukurbeln, weist sie zurück. Aber sie erarbeitet sich offensichtlich Respekt, gerade weil Deutschland heute bereit ist, sich für seine Prinzipien notfalls auch unbeliebt zu machen.

Und dieser Respekt strahlt nun zurück auf ihr Ansehen sowohl in Deutschland als auch in der EU. Während Gewerkschaften europaweit Demonstrationen gegen soziale Kürzungen in Folge der Sparpolitik organisieren, verweist Merkel stoisch auf einen Umstand, mit der außereuropäische Gesprächspartner sie selbst immer wieder konfrontieren: Europa leistet sich über 50 Prozent der weltweiten Sozialausgaben, erwirtschaftet aber nur 20 Prozent des weltweiten Bruttosozialprodukts, Tendenz schnell fallend.

Gerade hat Merkel in Moskau Russlands Präsident Wladimir Putin wieder sticheln hören, dass westliche Demokratien wegen ihrer durchschnittlichen Schuldenquote von mehr als 100 Prozent ihres Bruttoinlandsprodukts wohl keine große Zukunft hätten - und schon gar nicht mehr als Vorbild taugten. Aber wenn es jemand richten kann, so die Botschaft, auf die Regierungsstrategen immer wieder verweisen - dann ist es Merkel.

KULTFIGUR-STATUS ALS WAHLKAMPFSTRATEGIE 2013

All dies erklärt, wieso in der CDU-Spitze längst das Wahlkampfkonzept für 2013 festgelegt ist. Die zentrale Botschaft für 2013 lässt sich in dem schlichten Satz zusammenfassen: "Auf die Kanzlerin kommt es an". Merkel wird heroisiert als Frau, die Deutschland und Europa gerettet hat - und nun die Regierungsführung von CDU und CSU retten soll. Der Clou: Je stärker die Fixierung auf die eine Person ist, desto leichter lassen sich im Wahlkampf die natürlich immer noch vorhandenen inhaltlichen Widersprüche in der Volkspartei überspielen.

Auf den Regionalkonferenzen, die für die Parteioberen immer auch ein wenig Versuchslabor sind, kann man beobachten, wie dies funktioniert: CDU-Generalsekretär Gröhe begrüßt die Kanzlerin bei fast jedem öffentlichen Auftritt bereits in den einführenden Worten als sich restlos für die Rettung Europas und Deutschlands aufopfernde Frau. Den vorläufigen Höhepunkt der neuen Strategie lieferte Niedersachsens Ministerpräsident David McAllister, der sein Schicksal bei der Landtagswahl am 20. Januar ohnehin längst an die Popularität der Kanzlerin geknüpft hat.

Bewundernd zählt er den CDU-Anhängern in Bad Fallingbostel auf, dass Merkel an diesem Montag nicht nur bis nachts um 02.00 Uhr am Koalitionsausschuss teilgenommen und dann am Morgen die CDU-Präsidiumssitzung souverän geleitet habe. Nein, sie sei nach diversen anderen Terminen dann auch noch nach Lübeck zur evangelischen Synode geflogen und beantworte nun am Abend zweieinhalb Stunden die Fragen der Basis. "Liebe Angela, Du leistet ein Wahnsinnstempo. Wir sind sooo stolz auf dich", ruft er und bringt damit den Saal zum Kochen.

NACH DEM HERBST KOMMT DER...

Allerdings wird weder der Goldene Herbst noch eine triumphale Wiederwahl Merkels auf dem CDU-Bundesparteitag etwas daran ändern, dass das Hoch im Herbst 2012 noch lange keinen Wahlsieg im September 2013 garantiert. In der Union wird offen eingeräumt, dass erhebliche Risiken lauern. So weiß niemand, ob Merkels Image als erfolgreiche Euro-Retterin hält, wenn sich eine neue Krisenstimmung in der Währungsunion breitmachen würde oder der deutsche Steuerzahler doch die Rechnung für Hilfen an Griechenland oder andere Euro-Staaten präsentiert bekäme. Eine Eintrübung der Weltwirtschaft und eine Konjunkturdelle in Deutschland werden dagegn in der CDU-Spitze gelassener gesehen, weil die Bundesbürger in Krisenzeiten immer eher konservativ gewählt haben.

Gefahr droht eher aus einer anderen Richtung: Im Konrad-Adenauer-Haus sorgt man sich, dass Stromausfälle das ohnehin nicht große Vertrauen in Merkels Energiewende weiter erschüttern könnte. Immer weiter steigende Strompreise wiederum würden die schon latent vorhandene Debatte anheizen, ob die CDU-Chefin denn auch für ein sozial gerechteres Deutschland eintritt - was ihr SPD, Grüne und Linkspartei ohnehin absprechen.

Doch während Merkel hier immer noch gegensteuern könnte, lauert die größte Gefahr für sie woanders: Denn Peer Steinbrück wird in der CDU-Spitze nicht als derart chancenlos angesehen, wie es derzeit den Anschein haben mag. "Fängt er sich, ist er natürlich ein sehr ernster Konkurrent", heißt es in der Unionsspitze. Das schnelle Abnicken des SPD-Rentenkonzepts etwa zeigt, dass Parteien unter äußerem Druck zusammenrücken. Und man teilt Steinbrücks Analyse durchaus, dass sich am 20. Januar bei der Niedersachsen-Wahl "die ganze Mechanik ändern kann" - nämlich dann, wenn dort eine der letzten CDU-Bastionen in den Ländern von einem rot-grünen Bündnis abgelöst würde.

Dann würde plötzlich Merkels Schwachstelle sichtbar: die möglicherweise fehlende Alternative zur schwarz-gelben Koalition. Solange SPD und Grüne zusammenhalten, ist die Kanzlerin mit der FDP auf einen Partner angewiesen, für den der Wiedereinzug in den Bundestag auf der Kippe steht. Es ist sehr wohl ein Ergebnis denkbar, bei dem Merkel weder ihre große Popularität noch ein gutes Abschneiden der Union nutzen würden. Allerdings winkt der Politologe Langguth auch hier ab. "Ich sehe für Merkel keine Gefahr, weil sich die Wähler in der Krise eher für die Exekutive entscheiden", sagt er. "Drei Kombinationen sind nach der Wahl denkbar - eine große Koalition, Schwarz-Grün und eine Ampel. Wirklich realistisch sind aus meiner Sicht aber nur die ersten beiden."

Allerdings tummeln sich beim Kampf um die Wähler der "bürgerlichen Mitte" längst nicht mehr nur Merkels CDU, die FDP und eine Steinbrück-SPD, sondern nun auch die Göring-Eckard-Grünen. Die Öko-Partei hat mit der neuen Spitzenfrau und dem baden-württembergischen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann gleich zwei Politiker, die als bekennende Christen ausdrücklich auch im Lager der Union wildern wollen und dies nach Ansicht von Thomas Jäger von der Universität Köln bis zu einem gewissen Grad auch können. "Göring-Eckardt steht im Zentrum und kann deshalb einige konservative Wähler anziehen." Die 46-Jährige sagt denn auch mit zwar leiser, unaggressiver Stimme, aber klarer Botschaft: "Grün statt Merkel".

von Andreas Rinke

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